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Höhenprofil

Dienstag, 27. Juli 2010

Tag 3: Das Dach der Tour

Abriès - Aiguilles - St. Véran - Col de la Noire - Ubaye - Maljasset Streckenbeschreibung

Start: 09:00 Uhr - Stop: 19:00 Uhr - Kilometer: 45 km - Höhenmeter: +1675 hm / -1350 hm - Maximale Höhe: 2955 m - Schnitt: 7,8 km/h - Max: 43 km/h - Fahrzeit: 5¾h - Temperatur: 14 - 34 C°

Gite d'Etappe in Abries
Gite d'Etappe in Abries
Bei Prats
Bei Prats
Straße nach Aiguilles
Straße nach Aiguilles

Ausgeruht starten wir in den nächsten Tag. Ein Abendprogramm gab es gestern nämlich nicht. Nach der späten Ankunft war es fast 22 Uhr, bis wir gegessen, geduscht und die Klamotten gereinigt hatten. Feierabend in der Gite. Auch im Ort selber fanden wir keine Möglichkeit, noch ein paar Promille zu uns zu nehmen. Ich sag es noch einmal: später Feierabend ist einfach doof. Da bleibt ein Teil des Urlaubs buchstäblich auf der Strecke.

St. Véran
St. Véran
Rückblick auf St. Véran
Rückblick auf St. Véran

Wir kaufen in Abriès noch ein paar Kleinigkeiten zu Futtern – wer weiß, wann es wieder eine Möglichkeit dazu gibt. Dann rollen wir über die schwach befahrene Straße zum nächsten Ort Aiguilles (1500 m). Man kann ab Abriès auch direkt nach Süden weiter zum Passo di Vallanta und den Monte Viso hautnah erleben. Aber diese Strecke bleibt dieses Jahr Zukunftsmusik. (Dass wir ihn dennoch später zu Gesicht bekommen, ist dem Zufall und unserem GPS-Meister Marc zu verdanken.) Direkt hinter Aiguilles verlassen wir die Straße und kurbeln am Hang entlang nach Prats (1781 m) und weiter nach Molines-en-Queyras. Hier stoßen wir auf die Passstraße zum Col dell'Agnello und folgen ihr nach Pierre Grosse (1908 m). Die Straße ist stark befahren und überhaupt kein Spaß für Mountainbiker, es ist zum Glück nur ein kurzes Stück. Mit etwas Wehmut blicke ich das Tal hinauf, denn vom Colle dell'Agnello gelangt man in kurzer Zeit zum Col Vieux, wo nach Internetberichten einer der genialsten Trails der Alpen beginnt. Er führt aber leider nach Norden, zurück nach Abriès, ist also Blödsinn.

Chap. Ste. Elisabeth und Roc d.Niera (3177 m)
Chap. Ste. Elisabeth und Roc d.Niera (3177 m)
Réf. de la Blanche und Roc d.Niera (3177 m)
Réf. de la Blanche und Roc d.Niera (3177 m)
Kurz vor der Réf. de la Blanche
Kurz vor der Réf. de la Blanche

Wir wollen weiter nach St. Véran (2040 m), der nach eigenen Aussagen höchstgelegenen Gemeinde in Europa. Den Tourismus scheint dieses Prädikat auch ordentlich anzukurbeln. Ich verpeile allerdings den direkten Weg dorthin und wir landen auf einem Trail (entsetzlich :) und stehen unvermittlet in Le Chalp (1774 m). So heißt es noch einmal 100 hm zusätzlich. Hinter St. Véran führt eine gut fahrbare Piste weiter das Tal hinauf. Eine herrliche Gebirgswelt umgibt uns. Direkt vor uns liegen Tete Longet (3151 m) und Roc d. Niera (3177 m). Noch ist nicht ganz klar, wo wir später aus diesem Talkessel wieder heraus kommen.

Réf. de la Blanche (2090 m)
Réf. de la Blanche (2090 m)
Aufstieg Col de la Noire
Aufstieg Col de la Noire
Aufstieg Col de la Noire
Aufstieg Col de la Noire
Aufstieg Col de la Noire
Aufstieg Col de la Noire

Gegen Mittag erreichen wir die Réf. de la Blanche (2490 m). Dies wäre das geplante Übernachtungsziel gewesen. Natürlich war bereits abzusehen, dass wir viel zu früh hier sein würden, nachdem wir den gestrigen Tag verlängert hatten. Die Übernachtung fällt also aus. Schade bei dieser traumhaften Lage, aber da das Toilettenhäuschen gut 50 Meter von der Hütte entfernt ist, bereue ich dies irgendwie nicht. Dennoch machen wir einen Stopp und futtern eine „Kleinigkeit“. Marc und ich bestellen uns Suppe und bekommen dafür gleich den ganzen Topf auf den Tisch gestellt. Ganze dreimal kann ich mir den Teller vollladen. So haben wir während des Essens genug Zeit, den weiteren Weg zum Col la Noire (2957 m) einzustudieren, dem höchsten Punkt der Tour.

Am Col de la Noire (2955 m)
Am Col de la Noire (2955 m)
Am Col de la Noire (2955 m), Blick auf Lac la Noire
Am Col de la Noire (2955 m), Blick auf Lac la Noire
Am Col de la Noire (2955 m), Blick auf Lac la Noire
Am Col de la Noire (2955 m), Blick auf Lac la Noire

Der Aufstieg beginnt direkt hinter der Hütte. Dort befinden wir uns (noch) neben den Rädern, aber bald landet das Rad wieder auf dem Rücken. Der Weg ist zwar einiges besser als gestern am Col Malrif, aber das ständige Hochwuchten des Vorderrades ist einfach nur anstrengend. Dann lieber Tragen. Erst der zweite große Pass der Tour und abermals ein richtig harter Aufstieg. Von den Höhenmetern ähnlich zu gestern, aber der Weg ist nicht so verblockt und durch die kontinuierliche Steigung auch einiges kürzer. So gesehen werden die Etappen leichter, was sich auch an den nächsten Tagen fortsetzen sollte.

Abfahrt vom Col de la Noire
Abfahrt vom Col de la Noire
Abfahrt vom Col de la Noire
Abfahrt vom Col de la Noire
Abfahrt vom Col de la Noire
Abfahrt vom Col de la Noire

Am Col la Noire (2957 m) befinden wir uns inmitten einer Mondlandschaft. Man kann nicht sagen, dass es in Höhen über 2500 m noch besonders schön ist. Aber die fantastischen Rundumblicke sind unvergesslich. Und in solchen Höhen bin auch ich äußerst selten. Schon krass, das wir letztes Jahr kaum über 2000 m hinauskamen und hier fast jeden Tag an der 3000 kratzen. Gesundheitlich ist das nicht ohne, Übernachtungen in dieser Höhe haben jedenfalls immer einen schlechten Eindruck bei mir hinterlassen. Wir halten uns aber nur wenige Minuten am Col auf und stürzen uns in den Trail, der recht vielversprechend aussieht. Ich habe nur vage Informationen über diese Abfahrt, also ist die Spannung entsprechend hoch. In toller Kulisse trailen wir dem Lac La Noire und dem Ubayetal entgegen.

Abenteuerliche Kletteraktion
Abenteuerliche Kletteraktion

Ich bin sehr gespannt, welchen Eindruck das Ubayetal hinterlassen wird. Durch die Berichte von stuntzi aus dem MTB-News Forum sind die Erwartungen jedenfalls sehr hoch. Seine Infos waren der wesentliche Grund, warum unsere Route beinahe das gesamte Tal hinunterführt und nicht dem Bericht des Mountainbike-Magazins ab Maljasset über den (nach Recherchen total zugeschissenen) Col Maurin nach Süden folgt. Zunächst muss ich sagen, dass sich der mühevolle Aufstieg abermals gelohnt hat. Nahezu endlos zieht sich der Pfad den Berg hinunter. Und die tolle Landschaft des oberen Ubayetals fasziniert auf jeden Fall. Leider übersieht in dem Trailrausch unser GPS-Verantwortlicher Marc, dass der Track nicht bedingungslos dem Weg folgt, sondern quer über die Wiese hinunter in den Talboden geht. Wir dagegen folgen dem sichtbaren Weg und stehen unvermittelt vor einer kleinen Steilstufe, die nur mit Klettern zu bezwingen ist. Dumm, wenn man dabei auch noch ein Rad dabei hat. Tragen geht nicht, da man auf jeden Fall beide Hände zum Festhalten benötigt. Mit Vereinten Kräften gelingt es uns, Rucksäcke und Bike nacheinander über das Hindernis zu befördern. Ein halbe Stunde sind wir damit sicherlich beschäftigt. Dies ist auf keinen Fall zum Nachmachen zu Empfehlen, also kurz vorher über die Wiese um das Hindernis herumgehen oder fahren.

Oberes Ubayetal
Oberes Ubayetal

Den Vorteil unserer Variante will ich aber auch noch kurz nennen. Der Trail führt nach der Klettereinlage extrem weit hinter ins Ubayetal hinein. Wir sind fast am Col Longet angekommen, als wir auf den Talgrund stoßen. Ein kurzer Blick nach Osten und wir erblicken den König der Cottischen Alpen, den Monte Viso. Es wird der einzige Kontakt mit diesem Berg bleiben. Und da wir nun viel Zeit verloren haben, währt der Blickkontakt nur kurz. Bis zur geplanten Unterkunft in Maljasset (1903 m) geht es prinzipiell zwar nur noch bergab, aber das Ubaye ist lang, sehr lang. Das flache Gefälle und der Zustand des Weges verhindern zusätzlich ein flottes Vorankommen. Die Zeit rennt und die Schönheit der Landschaft interessiert nur noch am Rande. Immer wieder müssen wir kurz vom Rad, weil der Bach den Weg weggeschwemmt hat. Sehr verwunderlich, wieso wir hier oben ein Moped zu sehen bekommen.

Gite Auberge La Cure in Maljasset
Gite Auberge La Cure in Maljasset

Als das Tal sich weitet wird der Weg besser. Der Hunger nagt aber bereits kräftig an den Nerven. Schon wieder wird es eine sehr späte Ankunft. Genau das wollte ich nicht schon wieder. Doch dann ist der Weg auch noch komplett blockiert, von einer riesigen Schafsherde. Nähern wir uns den Viechern auch nur auf 10 Meter, kommen Hunde angerannt und vertreiben uns sofort wieder. Der Schäfer steht weiter oben am Berg und lässt uns offenbar mutwillig auflaufen. Er pfeift die Hunde nicht zurück und macht auch sonst keine Anzeichen. Es bleibt nur, den Weg zu verlassen und großzügig über die Wiesen die Herde zu umrunden. Sichtlich genervt erreichen wir so endlich Maljasset. Dort machen wir trotz der wenigen Häuser zwei Übernachtungsmöglichkeiten ausfindig. Die Gite Auberge La Cure gefällt uns am besten, und so checken wir dort zur Halppension ein. Abermals sitzen wir wegen der fortgeschrittenen Stunde ungeduscht beim Abendessen.

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