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Donnerstag, 30. Juli 1998

Tag 8: Zwischen Presannela und Brenta zum Gardasee

Péjo - Dimaro - Madonna di Campiglio - Lago Val d'Agola - Passo Bregn de l'Ors - Ponte Arche - Passo Balinno - Riva Streckenbeschreibung

Kilometer: 106 km - Höhenmeter: 2000 hm - Schnitt: 15,1 km/h - Fahrzeit: 7 h

Albergo in Péjo Fonti
Albergo in Péjo Fonti

Beim Frühstück komme ich mir vor wie in einem Seniorenheim. Grob geschätzt sind außer uns fast alle Gäste über 60 Jahre alt. In unserer Radfahrerklufft müssen wir auf die wie Außerirdische gewirkt haben. Ich fotografiere die Albergo noch und wir machen uns um 9 Uhr auf den Weg. Heute wollen wir bis zum Gardasee, das sind laut Streckenbeschreibung 110 km, davon aber alleine 3350 hm bergrunter. So kurz vorm Ziel bin ich aber motivierter und mache mir über die Kilometer keine Sorgen. Auch das Wetter spielt mit, und die Sonne scheint fleißig.

Von Péjo (1393 m) bis Dimaro (766 m) fahren wir auf einer Hauptverkehrsstraße. Darüber gibt es nichts viel zu schreiben. Anfangs hänge ich nervigerweise hinter einem Auto fest und kann nicht überholen. Die Straße wird aber bald flacher und wir sind wieder langsamer als die Autos. In irgendeinem Ort werfe ich meine Postkarten in ein.

In Dimaro sind wir das erste Mal so richtig tief unten. Alexander holt dort Geld an einer Bank. Dann geht es wieder auffwärts, zunächst auf einer lebensgefährlichen Straße. Nach kurzer Zeit fahren wir aber auf einem Forstweg in den Wald hinein und können aufatmen. Bis Madonna di Campiglio geht es nun durch den Wald, wobei wir einige nette Anstiege bewältigen müssen. Ein paar Wanderer feuern uns zusätzlich an. Laut Routenbeschreibung ist die Wegfindung bis Madonna etwas knifflig, mit Karte aber kein Problem. Ab und zu pausieren wir und essen das Übliche oder füllen unsere Flaschen an einem Brunnen auf. Wir kommen nun nicht mehr über die Baumgrenze hinaus, obwohl wir noch einmal auf 1702 m Höhe sind.

Bis Madonna di Campiglio (1525 m) geht es wieder ein kleines Stückchen runter, wir sind aber schnell da. Da Zeit ist fürs Mittagessen, setzen wir uns auf die Terasse einer Pizzeria. Ich habe einen Riesenhunger und bestelle mir die größte Pizza, die es gibt. Die ist ein richtiges Wagenrad. Während wir essen, tauchen zwei bekannte Gesichter auf. Das Pärchen aus der Sesvennahütte kommt in einem kleinen Pulk von Bikern an und sie setzen sich auch in die Pizzeria.

Sie mal einer an! Obwohl die beiden den Ortler östlich umfahren haben, sind sie schon genauso weit wie wir. Der eine Tag mehr, den sie angeblich hätten, der kommt erst noch. Während wir heute bis zum Gardasee wollen, hätten die beiden hier in Madonna noch eine Übernachtung und ihre heutige Etappe ist schon zu Ende. Da erst Mittag ist, wollen sie aber auch noch ein Stück weiter. Ich frage sie nach Frank und André, die sind offenbar auch nicht mehr weit weg.

Vor der Rifugio Cascata di Mezzo
Vor der Rifugio Cascata di Mezzo

Wir warten aber nicht und fahren weiter, denn wir haben noch einiges vor uns. Auf dem Weg zur Rifugio Cascata di Mezzo verfahren wir uns etwas, weil wir am Ortsausgang von Madonna zuerst eine falsche Abzweigung genommen haben. Das war zwar nicht so tragisch, muß aber bei der heutigen Strecke wirklich nicht sein.

Der Weg zur Rifugio ist schön flach. Dort mache ich ein Bild. Danach habe zwar wieder Zweifel mit dem Weg, er ist aber richtig. Vor dem nächsten Anstieg zum Lago di Val d' Agola (1595 m) geht es noch ein Stück runter bis auf etwa 1200 m. Dann heißt es wieder reintreten. Trotz der großen Pizza liegt mir das Mittagessen überhaupt nicht schwer im Magen und ich habe sogar wieder Hunger. Allerdings habe ich auch Durst und meine Flasche ist leer. Das wird ein echtes Problem, denn der Bach, der uns eben noch eine kurze Zeit begleitet hat, ist einfach im Boden verschwunden. Ich habe kaum noch Kraft, den Weg hochzutreten und fühle mich total vertrocknet.

Am Lago di Val  d' Agola
Am Lago di Val d' Agola

Nach einer halben Stunde kreuzt ein kleines Rinnsal unseren Weg und ich bin endlich erlöst. Das Wasser ist sicher nicht das beste, sieht aber sauber aus und ist in jedem Fall besser, als nichts. Nun ist es kein Problem den See zu erreichen. Dort wissen wir aber nicht so recht weiter. Wir müssen zum Passo Bregn de l'Ors (1836 m). Zwei Radlern mit Trekkingrädern geht es genauso. Wir einigen uns auf einen Weg und der bedeutet Schieben. Anfangs geht es noch, aber dann wird der Weg total schmal, und an einigen Stellen sind richtige Treppen. Dort müssen wir das Rad schultern, für Alexander eine wahre Freude. Für mich mittlerweile auch, denn meine Schulter schmerzt furchtbar, sobald ich mein Rad über die kleinsten Hindernisse heben muß. Was auf der Karte noch halbwegs erträglich ausgesehen hat, entpuppt sich nun als richtige Quälerei. Gut 200 hm müssen wir auf dem Pfad zurücklegen. Es ist mir ein Rätsel, wie die zwei Radler von eben mit ihren vollgepackten Rädern da hoch wollen.

Nach gut 1 h Schieben landen wir auf einer Lichtung. Von hier aus geht ein etwas flacherer Pfad weiter, den wir die meiste Zeit fahren können. Ich fange an zu zweifeln, ob wir den Gardasee heute noch erreichen, denn es ist mittlerweile Nachmittag, und auf der Karte sind wir seit dem Mittagessen kaum weitergekommen. Wir hätten ja auch die Hauptstraße durchs Tal fahren können, aber nein ... nun haben wir uns hier hoch gequält.

Als wir den Passo erreichen, ist die Orientierung ganz im Eimer. Lauter kleine Pfade laufen kreuz und quer in alle Richtungen und wir wissen nicht, welchen wir nehmen sollen. Außer einem Gedenkkreuz finden wir keinen Anhaltspunkt. Nach einigem hin und herradeln, schieben wir unsere Räder noch einen kleinen Grashügel hinauf, um einen besseren Überblick zu haben. In der Tat können wir nun eine Art Bauernhof sehen, an dem wir laut Karte sogar vorbei müssen. Wir sehen auch einen Weg, der dorthin führt. Den Hügel wieder runter zu fahren erfordert einiges Geschick, denn die Wiese ist sehr steil. Als ich Alexander hinter mir rufen höre, sehe ich, wie er den Hang hinunter seinem Fahrrad hinterher rennt, das in Saltos auf mich zu kommt. Passiert ist nichts, es sah nur witzig aus. Wir umkurven ein paar Kühe und kommen dann tatsächlich auf ein richtigen Weg. Bis ins Tal nach Stenico (666 m) geht es nun 1200 hm runter. Das wird sicher geil.

Die Abfahrt ist megaklasse. Serpentinen und Bodenwellen zum Abwinken. Dabei muß nur meine Radflasche ziemlich leiden, die ich gerade gefüllt habe und die mir ab und zu aus dem Flaschenhalter saust. Wenn sie dann jedesmall 40 m über den Schotter schrubbt, läßt sie kräftig Farbe und handelt sich zahlreiche Beulen ein. Manchmal kommen ein paar Teerstücke, aber sonst ist alles Schotter. Die Abfahrt scheint schier unendlich. Immer, wenn es gerade so aussieht, als war es das, legt der Weg noch ein paar Gefälleprozente hinzu. Als kaum noch Kurven kommen, sind 70 km/h kein Problem. Einmal trägt es mich fast aus einer Kurve, ich kann mich aber noch fangen. Irgendwie hole ich mir auch noch ein Chainsuck und muß anhalten, um die Kette zu befreien. Als ich das Problem behoben habe, taucht Alexander endlich auf.

Blick nach Stenico
Blick nach Stenico

Leider hat auch die längste Abfahrt irgendwann ein Ende und wir müssen bis Stenico noch 3 km auf einer kleineren Autostraße fahren. Von dort geht es noch ein Stück weiter runter bis zum Fluß Sarca (400 m) nach Ponte Arche. Dort ist es schön mild und wir können den Gardasee schon fast riechen. Wir wollen ihn heute unbedingt noch erreichen und machen jetzt kaum noch Pausen. Es müssten noch etwa 20 km sein.

Über Dasindo und Fiavè geht es auf eine Autostraße wieder hoch auf 600 m. Alexander ein Stück vor mir und LKW's hinter mir, habe ich kaum noch Lust weiterzufahren. In Fiavè will Alexander am Vorderrad den Schlauch neu ausrichten, weil sich das Ventil schräggestellt hat. Eine Pumpe hat er ja, also kein Problem. Nachdem er die Luft aus dem Reifen gelassen hat, währt die Freude über seine Pumpe nur kurz, denn sie ist für Autoventile und paßt nicht auf seinem Schlauch. Schade, daß ich den entsetzten Gesichtsausdruck nicht fotografieren konnte. Ich bleibe aber ganz ruhig, denn ich habe immer einen Adapter für verschiedene Ventile dabei. Alex wird sicher nie wieder eine Luftpumpe mit auf eine Tour nehmen, ohne sie vorher zu testen.

Wir können den Gardasee sehen
Wir können den Gardasee sehen

Auf der Straße fahren wir weiter zum Passo del Ballino (763 m). Danach geht es endlich bergab. Keiner von uns beiden hat Lust noch einen weiteren Höhenmeter zu fahren. Die 600 hm, die wir noch runter dürfen, sind aber eher langweilig. Wir hängen auf der Straße ständig hinter Autos fest und haben keine Chance zu überholen. Ständig an der Bremse, verschwenden wir einen Meter nach dem anderen. Wir können aber den schönen Blick auf den See genießen, den wir mittlerweile sehen können.

Da für Riva keine Unterkunft vorgeschlagen ist, und die Touristeninformation bereits zu hat, probieren wir es im Hotel Sport, in dem wir letztes Jahr übernachtet haben. Dort bekommen wir aber kein Zimmer mehr. Vielleicht wollen sie auch einfach keine Biker haben. Auch bei zwei anderen Hotels haben wir kein Glück. Das gefällt uns überhaupt nicht, denn es wird bereits dunkel. Da das planlose Suchen keinen Sinn hat, wollen wir aus einer Telefonzelle weitere Hotels anrufen. Auf der Suche nach einer Telefonzelle frage ich noch in einem etwas schäbig aussehenden Hotel, an dem 3 Sterne prangern, und zu meiner Überraschung haben die sogar ein Zimmer für uns.

Wir essen in einem Restaurant am See zu Abend und trinken Bier dazu. Auf Wein habe ich überhaupt keine Lust. Danach kurven wir noch ein bißchen durch Riva und obwohl wirklich viel los ist, machen wir uns bald wieder auf den Weg zum Hotel, weil wir total müde sind.

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