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Höhenprofil Tag 5
Höhenprofil Tag 5

Freitag, 17. September 2021

Tag 5: Colle de Mille & Verbier

Großer Sankt Bernhard - Bourg-Saint-Pierre - Colle de Mille - Verbier - Col des Mines - Sion Streckenbeschreibung

Start: 08:45 Uhr - Stop: 19:00 Uhr - Kilometer: 77 km - Höhenmeter: +1500 hm / -4675 hm - Maximale Höhe: 2572 m - Schnitt: 11,6 km/h - Fahrzeit: 6:30 h

Hotel Italia am Großen St. Bernhard (2446 m)
Hotel Italia am Großen St. Bernhard (2446 m)

Das Italienische Aosta-Tal haben wir nun hinter uns gelassen. Das Schweizer Wallis grüßt. Noch etwas zögerlich durch den Nebel, aber die Aussichten für die nächsten beiden Tage sind gut — nur für die nächsten beiden Tage. Das heißt für den weiteren Tourverlauf, Tempo machen. Das bisher offene Ziel wird damit konkret: Montreux am Genfer See. Die Alternative Thuner See hatte von Anfang an einen schweren Stand, weil die Seilbahn am Plaine Morte bei Sierre nicht mehr fährt. Das würde für uns einen Tag mehr bedeuten, dann ist aber Regenwetter.

St. Bernhard-Trail
St. Bernhard-Trail

Heute müssen wir also im optimalen Fall bis ins Rhônetal nach Sion. Das ist eine ordentliche Strecke. Aber es gibt Hilfsmittel :) Erst mal fehlen noch die restlichen Kilometer nach Bourg-Saint-Pierre (1660 m) von gestern. Die wollen wir in der ungemütlichen Nebelsuppe aus Zeitgründen schnell auf der Passstraße vernichten. Doch das wird nichts. Wegen Asphaltarbeiten ist die Straße komplett gesperrt. Man kommt wirklich nicht vorbei. Also doch auf den Trail am Pass einbiegen. Naja, es gibt Schlimmeres. Der Trail ist allerdings kein Traum. Grobes Gestein erfordern gute Aufmerksamkeit. Man kommt kaum voran. Deshalb wechseln wir bei der erstbesten Gelegenheit zurück auf die komplett leere Passstraße. Erst in der Galerie unterhalb des Tunnelportals stecken wir wieder im Verkehr, der am frühen Morgen noch überschaubar ist. Die Offroad-Variante auf der anderen Seite des Lac des Topules sparen wir uns, um Strecke zu machen und endlich den offiziellen Start der heutigen Etappe zu erreichen.

Auffahrt nach Azerin
Auffahrt nach Azerin
Blick zum Mont Blanc Massiv
Blick zum Mont Blanc Massiv
Azerin (2046 m)
Azerin (2046 m)

Bei Bourg-Saint-Pierre geht es scharf rechts und der wärmende Anstieg zum Colle de Mille beginnt. Den Nebel haben wir nämlich am Bernard zurück gelassen und die Sonne scheint, aber es ist ziemlich frisch. Ein kleines Sträßchen, das bald in eine Piste übergeht, schaufelt uns zur aussichtsreichen Alm Azerin (2046 m). Im Westen liegt das Mont Blanc Massiv, tief unten im Tal Orsières, wo wir auf der Anreise übernachtet haben.

Absolut flach queren wir nun auf einem Almweg den Hang, bevor uns ein kurzes aber fieses Schiebe- und Tragestück bei der Alm Le Coeur (2238 m) ausspuckt. Noch mal Piste und Schieben und wir sind oben. Den Colle de Mille (2471 m) hätte ich beinahe im letzten Jahr schon in die Tour integriert. So reizvoll erschien mir die Abfahrt in den Beschreibungen, die ich erhalten habe. Es hat aber nicht in die damalige Runde gepasst. Dieses Mal ist der Colle die perfekte Verbindung vom Sankt Bernhard und dem Val d'Entremont hinüber nach Verbier ins Val de Bagnes. Alternativ kann man von Aosta auch über das Fenêtre de Durand nach Verbier gelangen, aber das haben wir beide schon in der anderen Richtung gemacht. Ich finde es aber den reizvolleren Übergang.

Trail am Mont Brûlé (1)
Trail am Mont Brûlé (1)
Trail am Mont Brûlé (2)
Trail am Mont Brûlé (2)

Ganz oben sind wir auch noch nicht. Noch mal 100 hm sind nötig bis zum Gipfel am Mont Brûle (2571 m). Nebelschwaden ziehen wieder um uns herum. Wir stecken ein wenig in den Wolken. Zudem ziemlich einsam die Gegend. Ein langer und wunderschöner Trail am Hang entlang bis zur Skistation La Pasay (2167 m). Soweit hat sich der Weg bisher auf jeden Fall gelohnt. Das soll aber nicht so bleiben.

An der Skistation Pasey verpassen wir den weiteren Trail und schießen erst mal zu weit die Skipiste runter. Wieder 50 hm hoch schieben. Aber auch der richtige Weg ist nicht mehr besonders spaßig, denn er ist abschnittsweise praktisch nicht vorhanden, weil die üblichen Berghuftiere mit ihren Füßen das Gelände umgegraben haben. Bei der Alm Larzey (1859 m) keimt kurz Hoffnung auf, als wir in den nächsten Trail einbiegen. Doch was uns die nächsten 1000 hm erwartet ist wahrlich harte Arbeit und definitiv kein Grund, sich auf den Colle de Mille zu begeben. Ein steiler Pfad windet sich über feuchte rutschige Wurzeln in einer großen Rinne in Kehren durch den Wald nach unten. Aufsitzen, Absitzen und Überschlagen. Bei trockenem Boden geht sicher mehr im Sattel, ich hatte jedenfalls keinen Spaß, und bin wirklich froh, als wir endlich am Talboden ankommen. Es gibt leider keine einzige Möglichkeit, zwischendurch über einen Chickenexit nach Le Châble (821 m) zu gelangen. Um den Mille doch noch zu retten, denn oben ist es wirklich toll zu fahren, würde ich mir ab La Pasey eine andere Abfahrt suchen. Dort gibt es genug Wege nach Osten runter.

Kreditkarte statt Kondition
Kreditkarte statt Kondition
Doping
Doping
Verbier-Seilbahn
Verbier-Seilbahn

Der Plan sieht nun vor, mit Hilfe der Seilbahn nach Verbier (1521 m) hoch zu gondeln und von dort mit Seilbahn Nummer 2 auch den Aufstieg zum Col des Mines (2319 m) abzukürzen. Nur so gibt es eine Chance heute noch Sion im Rhônetal zu erreichen. Es ist immer ein bisschen ein Glücksspiel, aber dieses Mal passt es: die Seilbahnen fahren. Sehr gut. Auf halber Strecke steigen wir trotzdem noch einmal aus, um in Verbier am Nachmittag das Mittagessen nachzuholen. Gutes Timing: der Supermarkt hat gerade die Pause beendet. Gestärkt steigen wir ganz oben aus der zweiten Seilbahn aus (2190 m). Bequem ist so eine Auffahrt ja; Kreditkarte statt Kondition. Es wird nicht die letzte Aufstiegshilfe bleiben.

Verbier-Murmelbahn
Verbier-Murmelbahn
Col des Mines (2319 m)
Col des Mines (2319 m)
Ankunft Col des Mines (2319 m)
Ankunft Col des Mines (2319 m)

Verbier hat auch einen eigenen Bikepark. Überall winden sich Murmelbahnen durch das Skigebiet nach unten. Uns interessiert das allerdings nicht. Wir fahren den aussichtsreichen Panoramaweg bis zum finalen steilen Anstieg zum Col des Mines (2319 m). Dort können wir den ersten Blick ins Rhônetal werfen. Das ist schon ein gewaltiger Einschnitt zwischen all den 3000ern, in den wir da runter müssen. Die Abfahrt vom Col ist noch mal super. Der Trail schlängelt sich mal fordernd, mal flowig, aber nie gemein bis kurz vor La Tzoumaz (1683 m).

Abfahrt Col des Mines
Abfahrt Col des Mines

Wir überlegen kurz, ob wir die Bisse de Saxon bis Haute Nendaz nehmen, damit wir wenig Höhe verlieren und möglichst direkt in Sion im Talboden ankommen. Allerdings weiß ich nicht, wie dieser Höhenweg beschaffen ist und wie viel Zeit wir dort benötigen würden. Zu mittlerweile vorgerückter Stunde wird es Zeit, etwas Strecke zu machen, ohne dabei zu früh unten an der Rhône zu sein.

Nach einem Blick in die Karte habe ich die Lösung. Wir schlagen uns durch La Tzoumaz bis wir nach Isérables (1103 m) gelangen. Von dort führt ein schönes kleines Sträßchen durch Condémines und Fey endlos bergab bis nach Aproz (486 m) an die Rhône. Die Dreidimensionalität ist wirklich beeindruckend. Das breite langegezogene Tal mit den Bergriesen rundherum. Das hat man in diesen Dimensionen nicht so häufig. Die heutigen 4.700 Abfahrtsmeter aber auch nicht.

Rhônetal (1)
Rhônetal (1)
Rhônetal (2)
Rhônetal (2)

Nun noch ein kurzes Stück auf dem Radweg und wir sind am Ziel. Das hat ja alles sehr gut funktioniert heute. Bezahlbare Unterkünfte zu finden ist dagegen schon wieder schwieriger. Nach einem kurzen Blick in die Jugenherberge, entscheiden wir uns doch für ein gemütliches Hotel und checken im Hotel du Rhône ein. Ist halt die Schweiz. Passt schon. Es ist übrigens die einzige Unterkunft, wo wir unsere Covid-Impfung nachweisen müssen. Zum Abendessen suchen wir uns wieder eine Pizzeria. Die geringe Meereshöhe und das milde Klima erzeugen bereits heute eine lockere Atmosphäre und das Gefühl eines gelungenen Tourabschlusses. Im Grunde ist er das auch, denn der nächste Tag wird nicht ganz so stimmungsvoll enden.

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