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Höhenprofil Tag 3
Höhenprofil Tag 3

Dienstag, 25. Juni 2019

Tag 3: Terre Noire

Tartonne - Pas d'Archail - Draix - Col de la Cine - Thorame Basse Streckenbeschreibung

Start: 8:30 Uhr - Stop: 17:00 Uhr - Kilometer: 51 km - Höhenmeter: +1925 hm / -1675 hm - Maximale Höhe: 1600 m - Schnitt: 7,7 km/h - Max: 41 km/h - Fahrzeit: 6:30 h

Blick zurück nach Tartonne
Blick zurück nach Tartonne
Terre Noire (1)
Terre Noire (1)

Tartonne (954 m) ist auch wieder eines der verschlafenen Nester. Ein Brunnen, ein paar Häuser, sonst nichts. Ohne die Gites wäre Urlaub in dieser Gegend praktisch unmöglich, zumindest ohne Zelt. Alexander und ich haben uns abgestimmt, dass er heute nicht mit mir den Kringel Richtung Digne le Baign fährt. Nach einem Bilder-Spoiler zu den Terre Noire kommen Zweifel, dass das mit seiner Höhenangst zu bewältigen ist. Er will über den Col du Défens zurück und weiter nach St-André-les-Alpes oder zum dortigen Lac de Castillon. Im Grunde unser Ziel für morgen. Am Abend treffen wir uns aber wieder in Thorame Basse. An sich ein „verlorener” Tag, aber die Terre Noire sind zu einzigartig, um sie neben dem Weg liegen zu lassen. Diese schwarzen „Sandhaufen” sind Pflicht beim ersten Besuch der Provence. Da kann man auch mal Kringeln.

Terre Noire (2)
Terre Noire (2)
Terre Noire (3)
Terre Noire (3)

So strampele ich alleine die Piste zum Pas d'Archail (1667 m) hinauf, die am Morgen zum Glück noch etwas im Schatten liegt. Kurz vor dem Pass brutzelt es schon wieder so heftig, dass ich kurz neben das Rad muss. Nach dem Archail fällt das Gelände steil ab und ein Pfad windet sich in engen Kehren die Felswand hinunter. Nach einer langen Querpassage, die noch ein paar unerwartete Höhenmeter bringt, blicke ich zum ersten Mal aus der Nähe auf die schwarze Erde, die die Natur hier kreativer Weise hinterlassen hat. Feste Sandhaufen mit einer Höhe von 20 bis 30 m, auf denen findige Fährtenleger eine Mountainbikespur gelegt haben, meist oben auf dem Grat. Ich bin bei der Kombination aus Ausgesetztheit und Steilheit teilweise überfordert und kämpfe mich zu Fuß durch. Natürlich mit vielen Bildern.

Terre Noire (4)
Terre Noire (4)
Terre Noire (5)
Terre Noire (5)

Nach dem Durchqueren der ersten schwarzen Hügel ist der Weg durch den lichten Wald zwar weniger ausgesetzt, aber technisch nach wie vor ansprechend. Ich würde das als S2 bis S3 auf der Singletrailskala einordnen. Doch das war es noch nicht gewesen! Ein kurzer Anstieg auf Piste und ich stehe mit Staunen vor den Terre Noire Teil 2. Vielleicht noch ausgedehnter, auf jeden Fall noch schwieriger. Die Abfahrten von den Hügeln gehen teils kurz in die Senkrechte, bevor flaches Gelände den Schwung auffangen soll. No way. Überhaupt ist die Wegfindung nun recht schwierig. Manchmal helfen kleine Markierungssteinchen, an anderen Stellen finde ich mich nur mit GPS zurecht. Alles ziemlich crazy und sehr anstrengend, vor allem bei den Temperaturen.

Draix (859 m)
Draix (859 m)

Ich bin trotz der genialen Szenerie am Ende froh, als ich bei Archail das Gelände hinter mir habe und über ein kleines Sträßchen den Weiler Draix (859 m) erreiche. Dort ist endlich ein Brunnen. Meine Wasservorräte sind schon länger erschöpft. Die Verpflegungssituation ist generell nicht mehr die allerbeste, doch Läden zum Einkaufen sind absolute Fehlanzeige. Ich glaube Colmars gestern Mittag war die letzte Möglichkeit. Ein paar Erdnüsse müssen jetzt reichen.

Ich erleichtere auch noch den Brunnen um einige Liter und mache mich an den Anstieg zum Col de la Cine (1499 m). Eine steile Piste in praller Mittagssonne. Mein persönliches Limit ist echt erreicht. Ich weiß nicht, ob ich außerhalb einer finnischen Sauna schon mal so geschwitzt habe. Sport bei diesen Temperaturen sollte man sicher tunlichst unterlassen. Mindestens die Hälfte des Aufstiegs schiebe ich, obwohl der Weg eigentlich gut fahrbar wäre.

Am Col hänge ich das „frisch gewaschene” und tropfende Trikot an einen Baum und lege mich direkt daneben. Zu Trinken habe ich nichts mehr. Aber ich bin oben. Und fühle mich noch ok. Unten im Tal sehe ich wieder Tartonne. Ich denke an Alex und den See. Gut, dass er nicht mit mir gekommen ist.

Wie Stuntzi möchte ich nun oben am Berg bleiben und über einige kleine Pässchen zurück nach Osten queren. Die offizielle Beschilderung weist nämlich nach unten zurück nach Tartonne. Warum wohl? Der Weg sieht zunächst vernünftig aus, doch die Grasdichte steigt schnell an. Der Weg wird zum Pfad und verliert sich zwischen Ginsterbüschen. Dank GPS weiß ich zumindest ungefähr, wo es lang gehen müsste. So stapfe ich quasi weglos durch die Büsche steil nach unten in eine riesige Geröllrinne und auf der anderen Seite ebenso steil wieder nach oben. Ein sehr fragwürdiges Unterfangen, das ich so eigentlich nicht weiter empfehlen kann.

Irgendwann ist wieder ein Weg erkennbar, der wegen des groben Untergrunds und der abschnittsweise vorhandenen Steigung aber auch nicht gefahren werden kann. Nicht zu vergessen, die Gluthitze, die sich hier am Südhang natürlich wunderschön entfalten kann. Ich bin zumindest froh, dass nicht auch noch ein paar Patout-Schutzhunde auftauchen, Weidezäune neben dem Weg lassen das nicht unwahrscheinlich erscheinen.

Am Col de Séoune bin ich wieder auf der offiziell beschilderten Route und es ist nicht mehr weit zum Ziel. Die Schilder führen aber nicht bis unten ins Tal von Thorame, sondern auf halber Höhe leicht am Berg entlang. Dort lande ich auf einem tollen Trail, der noch mal 200 hm vollen Fahrspaß bietet, bis ich bei Le Bâtie endlich den Talgrund und einen Brunnen erreiche. Ich hatte am heutigen Tag definitiv zu wenig Wasser.

Abendimpressionen in Thorame Basse
Abendimpressionen in Thorame Basse

Nachdem ich in Thorame Basse wieder mit Alexander zusammen treffe (der trotz Badetag am Lac de Castillon tatsächlich bereits bis zu unserem morgigen Ziel Castellane gefahren ist), gilt es noch die Übernachtungs- und Verständigungsproblematik zu lösen. Die Gastgeberin ist mittlerweile im Krankenhaus (war es wahrscheinlich auch gestern schon gewesen), aber die Schwiegertochter und Ehefrau des Braumeisters soll sich um uns kümmern. Englisch kann sie keines, aber wir bekommen doch irgendwie unser Zimmer. Und Essen? Das einzige Lokal im Ort hat Ruhetag und das nächste Essen gäbe es in Colmars. What? Kurze Beratung der Gastgeber ... Wir sollen einfach nachher zum Haus der Braumeisterfamilie kommen und dort mit zu Abend essen. Also sitzen wir wenig später im Kreise der Familie mit ihren zwei Kindern am Tisch und bekommen ein wahrlich unerwartet gutes Menü, obwohl wohl kaum mit uns geplant worden ist. Etwas unangenehm ist mir die Situation schon, Unterhaltungen sind fast nicht möglich. Aber die Hilfsbereitschaft ist natürlich große Klasse.

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