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Höhenprofil

Dienstag, 26. Juli 2011

Tag 2: Tor in den Süden

Mauvoison - Fenêtre de Durand - Aosta - Valsavaranche Streckenbeschreibung

Start: 08:00 Uhr - Stop: 18:30 Uhr - Kilometer: 80 km - Höhenmeter: +2250 hm / -2475 hm - Maximale Höhe: 2797 m - Schnitt: 11,0 km/h - Max: 60 km/h - Fahrzeit: 7¼h (+½h Tragen) - Temperatur: 6 - 29 C°

Hotel Mauvoisin (1821 m)
Hotel Mauvoisin (1821 m)
Lac de Mauvoisin (1976 m)
Lac de Mauvoisin (1976 m)
Galerie am Lac de Mauvoisin (1976 m)
Galerie am Lac de Mauvoisin (1976 m)

Am Morgen ist der Himmel etwas wolkig. Nach dauerhaft schönen Wetter sieht es bereits heute nicht mehr aus. Dabei hatten wir vor der Abfahrt zu Hause wirklich lange gesucht, bis wir eine Internetseite gefunden haben, die für unsere Urlaubswoche gutes Wetter vorausgesagt hat. Es ist zwar trocken, aber ziemlich frisch. Wir können uns direkt mal warm fahren. Die Etappe beginnt nämlich, wie die gestrige aufgehört hat: mit 150 Höhenmetern zum Lac de Mauvoisin (1976 m). Diesmal halten wir uns nicht an der Staumauer auf, sondern biegen gleich in die Galerie ein, die den See auf der rechten Seite passiert. Im Berg geht es noch mal einige Meter weiter hoch, bevor wir locker dahinrollen und aus den immer wiederkehrenden Fenstern ein paar Blicke auf den See werfen können. Es tropft von der Decke und ist kalt. An einer Stelle fließen die Wassermassen tosend unter unserem Weg hindurch, um dann aus großer Höhe imposant in den See hinunter zu stürzen.

Entlang des Lac de Mauvoisin (1976 m)
Entlang des Lac de Mauvoisin (1976 m)
Mt. Gelé (3518 m)
Mt. Gelé (3518 m)
Aufstieg zum Fenêtre de Durand
Aufstieg zum Fenêtre de Durand

Hinter der Galerie führt der Weg in leichtem Auf- und Ab weiter bis zum Ende des Sees, dann in einigen Serpentinen eine Geländestufe bergan. Nur ein paar Bauarbeiter stören die totale Einsamkeit, die durch die tiefen Wolken noch verstärkt wird. Es herrscht eine sehr bedrückende Stimmung in der Natur um uns herum. Vom Grand Combin (4314 m) zu unserer Rechten können wir wegen der tiefhängenden Luftfeuchtigkeit leider nichts sehen. Das Tal wird noch einmal flacher, aber ab 2200 m haben wir das erste Mal bei dieser Tour das Rad auf dem Rücken. Schiebend, tragend und auch fahrend sind nun 600 hm zu überwinden bis zur Grenze nach Italien, dem Fenêtre de Durand (2797 m), über das wir schon so viel gelesen haben. Zu den schönsten Pässen der Alpen soll es zählen. Der Aufstieg führt teilweise durch eine wenig beeindruckende Schotterlandschaft, immer mit dem frisch beschneiten Mt. Gele (3518 m) im Blick. Ab und zu kann man noch mal einen Blick auf den Mauvoisin erwischen. Es ist ein ziemlich großer Stausee. In unserem Rücken sehen wir auch die Cab. de Chanrion, über die nichts Gutes zu lesen war. Aber das macht nichts, denn das Hotel Mauvoisin ist eine super Adresse, an der man nicht vorbeifahren braucht.

Fenêtre de Durand (2797 m)
Fenêtre de Durand (2797 m)
Abfahrt vom Fenêtre de Durand (2)
Abfahrt vom Fenêtre de Durand (2)
Abfahrt vom Fenêtre de Durand (1)
Abfahrt vom Fenêtre de Durand (1)

Der Aufstieg ist relativ leicht. Es gibt keine fiesen Stellen. Großartig feiern können wir oben aber nicht. Am Fenêtre ist es nämlich etwas ungemütlich. Wir ziehen schnell die Schienbeinschoner an, die wir dieses Jahr erstmalig dabei haben. Da sie am Unterrohr befestigt sind, sind sie auch beim Tragen eine große Hilfe. Das Rohr hat eine größere Auflagefläche und drückt nicht so auf die Schultern. Der Ausblick nach Süden ist vielversprechend, einsame Bergseen, blaue Wolkenlücken und ein Pfad, der zum Biken einlädt. Leider ist der Weg wegen des verblockten Geländes nicht komplett fahrbar und auch ziemlich schnell zu Ende. Ich frage mich, wo die 500 Abfahrtshöhenmeter geblieben sind. Spaß gemacht hat es trotzdem. Dennoch kann ich jetzt schon sagen, dass das Fenêtre de Durand in den Magazinen etwas überbewertet wird. Ein schöner und strategisch sinnvoller Pass, aber nichts, woran ich mich lange zurück erinnern werde. Wir befinden uns nun auf einer Geländestufe mit einigen Almen und folgen dem Fahrweg. Dabei treffen wir drei Monte Rosa-Umrunder, die uns entgegenkommen und auf dem Weg noch oben sind. Sie haben viele Schiebetage hinter sich. Davon können wir sicher auch bald berichten.

Abfahrt vom Fenêtre de Durand (3)
Abfahrt vom Fenêtre de Durand (3)
Abfahrt vom Fenêtre de Durand (4)
Abfahrt vom Fenêtre de Durand (4)
Trail bei Farinet
Trail bei Farinet

Bis zum Talgrund geht es noch ziemlich steil und tief hinunter. Um Zeit zu sparen, will ich den direktesten Weg bei Farinet (2009 m) nehmen. Oberhalb der Baumgrenze ist zwar alles schön übersichtlich, aber es gibt einige Almen. Da ich etwas dusselig bin, fahren wir dann ein gutes Stück zu weit auf dem Hüttenweg und müssen umdrehen. Etwas querfeldein schlagen wir uns nun durch bis zum Einstieg in den markierten Weg. Ich erwarte einen so gut wie unfahrbaren Trail. Ganz so schlimm ist er zwar nicht, da sich einige Abschnitte auch auf dem Rad bewältigen lassen, schön ist aber was anderes. Dazu fehlt es dann doch etwas an der nötigen Technik, oder dem passenden Rad. Im unteren Teil ist der Pfad einfach nur noch steil und das fahren fällt leichter.

Bei Glacier (1549 m) erreichen wir den Talgrund. Nun folgt eine rasante Asphaltabfahrt über Ollmont, Valpelline bis nach Aosta (587 m). Welch ein Kontrast zum Vormittag. Trubel, Stadtleben, Touristen, Verkehr. Wir verdrücken eine schnelle Pizza in der Fußgängerzone und radeln weiter. Aber war da nicht noch was? Einen Bike-Laden sollte ich doch noch suchen. Mein Kabelbinder hat das Ritzel bis jetzt zwar zuverlässig gehalten, herausfordern will ich es trotzdem nicht. Und ich habe Glück. Kurze Zeit später bin ich Besitzer einer kostenlosen neuen Kettenblattschraube.

Nun kommt eine eklige Passage. Auf der stark befahrenen Straße folgen wir dem Aosta-Tal in Richtung Westen. Nach einem Supermarkt-Zwischenstopp in Sarre bin ich wirklich erleichtert, als wir in Villeneuve (665 m) die Straße verlassen können. Aber es wird noch einmal spannend. Bei knalliger Sonne fahren wir nun bergan bis Champlong (1000 m). Von hier führt nach IGC-Karte nur eine kleine Forstpiste ins nach Süden ragende Valsavaranche. Die Karte ist allerdings unglaublich schlecht und ich bin mir nicht sicher, wie wir den richtigen Weg finden sollen. Ein einheimischer Biker weist uns zum Glück den Weg. Doch was ist das. Als wir nach einer Mörderrampe auf den gesuchten Weg einbiegen ist dort wegen eines Bauprojektes die Durchfahrt verboten. Der Biker zuckt mit den Schultern und dreht um. So einfach lass ich mich nicht vergraulen. Ein kurzes Gespräch mit den Bauarbeitern und wir dürfen passieren. Na also. Bei anderem Ausgang wäre das Tagesziel auch nicht mehr erreichbar gewesen. Auf ebener und grasiger Piste rollen wir nun nahe am Abgrund hinein ins Valsavaranche bis Chevrère. Dort müssen wir direkt die erste Brücke auf die andere Talseite zur Straße nehmen, denn der weitere Weg ist zugewachsen. Gut 400 hm bis zum geplanten Ziel sind es noch. 400 zuviel, nach meinem Gefühl. Es war wieder mal genug. Besonders die Hitze beim letzen Anstieg hat Kraft gekostet.

Die Straße zieht sich unglaublich. Immer wieder kommen flache Passagen, die Höhenmeter werden nicht weniger. Die Sonne hat sich bereits hinter die Berge verzogen. Dann, endlich, taucht die Agritourismo Lo Mayen am rechten Straßenrand auf. Wir sind nicht angekündigt und müssen kurz ausharren. Aber es gibt noch ein Zimmer. Gott sei Dank. Das Zimmer ist zwar nicht beheizt und scheiße kalt, aber das ist jetzt egal. Dieser Tag gehörte wie der gestrige zur anstrengenden Sorte. 80 km bei über 2000 hm sprechen eine deutlich Sprache. Nix geht mehr für heute. Außer dem gemütlichen Abendessen im familiären Rahmen natürlich, zu dem leider undefinierbare und absolut ungenießbare Schnäpse gereicht werden.

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