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Höhenprofil

Freitag, 29. Juli 2011

Tag 5: Schieben und nochmals Schieben

Challand-St-Anselme - Brusson - Col Ranzola - Val Gressoney - Alencoll/Passo Salati - Rif. Guglielmina Streckenbeschreibung

Start: 9:00 Uhr - Stop: 18:15 Uhr - Kilometer: 41 km - Höhenmeter: +2750 hm / -1000 hm - Maximale Höhe: 2925 m - Schnitt: 5,9 km/h - Max: 47 km/h - Fahrzeit: 7h - Temperatur: 7 - 33 C°

Zimmerfrühstück im Maison Dominique (1100 m)
Zimmerfrühstück im Maison Dominique (1100 m)
Hotel La Torretta in Challand-St.Anselme (1100 m)
Hotel La Torretta in Challand-St.Anselme (1100 m)

Das Frühstück fällt interessant aus; lauter kleine abgepackte Sachen. Leider ist auch der Kaffee nur aus Fertigpulver. Zwei Brötchen haben wir gestern beim Abendessen im Hotel mit bekommen. Kann man mal machen, bei dem Preis allerdings etwas dürftig. Trotzdem eine gute Übernachtung. Ich gebe den Schlüssel im Hotel ab und es geht weiter über die Straße das Tal hinauf. Früh am Morgen, mit wenig Verkehr und im klaren Sonnenlicht, ist sie auch nicht mehr so grauselig wie gestern Abend. Ich trauere dennoch meiner Tourplanung etwas hinterher. Wäre die Route über Col de Joux nicht besser gewesen? Nach 200 hm können wir die Straße in Brusson (1338 m) endlich verlassen und befinden uns wieder auf der geplanten Strecke.

Auffahrt nach Estoul
Auffahrt nach Estoul
Trinkpause in Croix (1700 m); rechts in den Wolken der Mont Blank
Trinkpause in Croix (1700 m); rechts in den Wolken der Mont Blank
Tragepassage zum Col Ranzola (2170 m)
Tragepassage zum Col Ranzola (2170 m)

Wir befinden uns nun auf der Auffahrt zum Col Ranzola (2170 m). Die Bergketten südlich des Monte Rosa verlaufen alle in Nord-Süd-Richtung und sind hoch, die Täler tief. Wie mit einer Axt eingeschlagen. Leider sehr anstrengend, wenn man von West nach Ost will. Brauchbare Übergänge zu finden, ist nicht einfach, da die Informationsmenge im Netz zu dieser Gegend sehr dürftig ist. Zum Col Ranzola finden sich ein paar Hinweise und auch auf der Karte sieht er gut aus, im Vergleich zu den anderen Verbindungen zwischen Val d'Ayas und Val Gressoney. Bis Estoul (1815 m) führt eine bequeme kleine Straße. Richtung Westen blicken wir dabei über den Col de Joux hinweg ins Aostatal. Selbst der Mont Blanc ist mal kurz unter seiner Wolkenhaube auszumachen. Man kann noch bis zu einer Alm ca. 100 m unterhalb der Passhöhe auf Piste weiterfahren. Erst die letzten Meter muss das Rad auf den Rücken. Hier sind wir wieder über der Baumgrenze. Im Vergleich zu den letzten Tagen, sehr gemütlich.

Abfahrt vom Col Ranzola
Abfahrt vom Col Ranzola
Abfahrt vom Col Ranzola
Abfahrt vom Col Ranzola
Abfahrt vom Col Ranzola
Abfahrt vom Col Ranzola

Am Col machen wir Rast. Im Windschatten eines Hüttchens lässt es sich gut in der Sonne aushalten. Das Wetter ist uns an diesem Tag bisher wohlgesonnen. Quer vor uns erstreckt sich nun 800 Meter tiefer das Val Gressoney. Ein schöner einfacher Wiesentrail führt zu einer Alm hinab und lässt uns von einer schönen Abfahrt träumen. Hinter der Alm ist der Spaß allerdings vorbei. Ein sehr ruppiger steiniger Wanderweg führt nun in den Wald hinein. An vielen Stellen ziemlich mit Gräsern verwuchert und durch die Bodenfeuchtigkeit kaum zu fahren. Meterweise setzen wir auf und wieder ab. Im Wald wird der Weg nicht besser. Er ist zwar breiter, aber steil und wurzelig und mit vielen Serpentinen bestückt. Auf dem nassen Untergrund nur selten und mit Risiko eines Abflugs fahrbar. Das wäre zwar nicht lebensgefährlich, könnte aber trotzdem den Tourverlauf negativ beeinflussen. Ich bin froh, als wir endlich den Talgrund erreichen und nach Gressoney-St-Jean (1385 m) rollen können. Gefahren sind wir höchstens 50% und diese in vielen kleinen Schnipseln. Kein Pass, den ich weiterenpfehlen möchte, aber mangels einfacher Alternativen, wahrscheinlich das kleinere Übel.

Val Gressoney mit Blick zum Liskamm
Val Gressoney mit Blick zum Liskamm

Nach einer kleinen Stärkung an einem Imbiss heißt es nun Asphalt schrubben bis ans Talende nach Stafal (1825 m). Es ist nicht viel Verkehr und die Straße rollt sich gut. Ab und zu zeigen sich die südlichen Gletscher des Liskamms im Monte Rosa-Massiv. Meistens sind sie aber von den nun dichter werdenden Wolken verhüllt. Ziel für heute wäre sinnvollerweise Alagna Valsesia im nächsten Tal. Dann können wir morgen den Col Turlo knacken und haben hoffentlich nach genug Zeit für die Flachland-Kilometer bis zum Lago Maggiore. Das würde bedeuten, dass wir einen ganzen Tag früher am Ziel ankommen. Ganz sicher bin ich mir aber nicht, dass die letzte Etappe so passt. Ab Stafal müssen wir heute auf jeden Fall die Seilbahn zum Col Olen/Alencoll/Passo Salati (oder wie auch immer) nehmen. Das ist keine Sünde, denn die gesamte Auffahrt bestünde nur aus Skipiste.

In Stafal wartet eine kleine Überraschung. Die Seilbahn, die sowohl in meiner Karte als auch in der Openmtbmap auf dem GPS eingezeichnet ist, existiert nicht. Ich kann nicht mal Masten sehen. Die einzige sichtbare Seilbahn fährt nach Westen zur Bättaforka, ebenfalls Skigebiet. Dort wollen wir natürlich nicht hin. Noch dazu brauen sich auf dieser Seite des Tals immer dunklere Wolken zusammen. Das Wetter sieht nicht mehr freundlich gesinnt aus. Was tun? Geschlagene 1000 Höhenmeter hoch und wieder runter stehen zwischen uns und Alagna, das wir heute natürlich nicht mehr erreichen können. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als mit dem quälenden manuellen Aufstieg über die Skipiste zu liebäugeln. Zum Glück habe ich die Telefonnummer der kultigen Rif. Guglielmina dabei, die direkt hinter dem Pass liegt. Sie war sie mal das höchste Berghotel in Europa, was trotz der Höhe von 2880 m einigen Komfort erwarten lässt. Ich hätte sie gerne bereits in die Planung einbezogen, das hat aber nicht gepasst von den Etappen. Nun kommt sie wie gerufen und es sind auch noch Plätze für uns frei. Ich kündige uns mal für 18 Uhr an, was bedeutet, dass wir 3½ h Zeit haben.

Wir biegen rechts auf einen Fahrweg ein, der uns in trügerischer Sicherheit wiegt. Nach nicht einal 100 hm ist der Spaß vorbei. Noch ein kurzes Intermezzo mit einem freilaufenden Hund, dann beginnt der richtige Kampf. Zentimeter um Zentimeter schieben wir die Böcke in direkter Linie die Piste hinauf. Dabei beobachte ich mit großem Erstauenen einen LKW, der parallel zu uns hinauf fährt. Hätte nicht gedacht, dass das möglich ist. Ein kurzer Seufzer über diese verpasste Mitfahrmöglichkeit, geben wir uns wieder den Elementen hin. Die Sonne hält uns noch die Treue, aber an der Westseite des Tals scheint es nun heftig zu regnen.

Monte Rosa (4554 m) zeig dich!
Monte Rosa (4554 m) zeig dich!
Ultrasteile Skipiste zum Col Olen (2900 m)
Ultrasteile Skipiste zum Col Olen (2900 m)

Nach langem Kampf erreichen wir die Seilbahnstation Brennhopt (2240 m). Sagte ich Seilbahn? Ja, es gibt tatsächlich einen Sessellift bis hierher. Den hatte ich im Tal sogar kurz erblickt, er startet aber nicht in Stafal, sondern viele Kilometer weiter unten im Tal. Ehrlich gesagt hätte ich auch nicht gedacht, dass die Skipiste einen so großen Schlenker nach Süden macht. Nachahmer können es aber gerne mit dieser Bahn versuchen. Ab Brennhopt schwenkt die Piste hart nach Norden und wird zum Glück etwas flacher. Sogar Fahrabschnitte sind nun drin. Dabei wird es leider immer finsterer. An der Bergstation eines Skilifts bleibt uns nur die Flucht in die Regenklamotten. In Sekunden sinkt die Temperatur um 10 Grad. Es folgt eine ungemütliche kurze Abfahrt zum Gabiet, dem großen Skigebiet im Gressoney. Hier sind wir nicht mehr ganz alleine; einige Hütten, offenbar auch ein paar Bauarbeiter und ... eine Seilbahnstation bis hinauf zum Pass. Wie kann es anders sein, sie ist außer Betrieb. So ganz verstehe ich es nicht: wie sollen Leute hier her kommen, wenn die untere Seilbahn fehlt? Vielleicht abgebaut zur Revision. Jedenfalls ziemliches Pech für uns. Denn nun geht es abermals einen Weg direkt über die Skipiste weiter nach oben. Einige vollbesetzte Geländewagen haben denselben Weg, ich beneide die Insassen. Schön ist was anderes. Das einzige Interessante ist nun das Wetter. Wolkenfetzen ziehen um uns herum, geben Mal den Blick frei und verhüllen ihn direkt wieder. Manchmal kommt die Sonne durch. Der Monte Rosa ist allerdings nicht zu erblicken.

Anfahrt zur Rif. Guglielmina (2880 m)
Anfahrt zur Rif. Guglielmina (2880 m)
Rif. Guglielmina (2880 m)
Rif. Guglielmina (2880 m)

Mit viel Luftholen, gefühlte Tage später, stehen wir unfassbar tatsächlich am hässlichen Pass. Trotz der ungenauen Karten und der verschiedenen Namen für den Übergang, verfehlen kann man ihn nicht, Bereits ab Gabiet ist er klar zu erkennen und der Weg geht nur dorthin (ebenso wie die immer präsente Seilbahn über unseren Köpfen). Klares Fazit: tut euch dies nicht an. Mit Seilbahn – zumindest für einen Teil der Strecke (Stichwort: Brennhopt) – schwer verdaulich. Von ganz unten muss sich das aber keiner antun – es sei denn, er hat unser Pech mit den Bahnen.

Bergvolk vor der Rif. Guglielmina
Bergvolk vor der Rif. Guglielmina
Ausblick bis ans Mittelmeer ...
Ausblick bis ans Mittelmeer ...
Mangare a la Guglielmina
Mangare a la Guglielmina

Nun hurtig zur Rifugio. Sie zeigt sich nach wenigen Metern hinter einer Biegung. Sieht bereits von außen ganz schnuckelig aus. Das könnte ein schöner Abend werden. Wir checken ein, beziehen unser Quartier und gönnen uns die vorhandene Dusche. In beinahe 3000 m Höhe etwas dekadent aber wohltuend. Vor der Hütte hat es sich eine Rotte von Gemsen gemütlich gemacht. Scheu kennen diese Tiere nicht. Nett zu beobachten. Und wenn sich die Wolken etwas ducken, zeigt sich eine weitere Qualtiät der Guglielmina: ein Ausblick bis nach nirgendwo. Da wir uns am südlichen Ende der Alpen befinden, hat man das Gefühl bis zum Mond schauen zu können. Zumindest das Mittelmeer lässt sich am Horizont erkennen oder besser erahnen. Tolle Lage. Starke Ähnlichkeit zur Rif. Papa am Pasubio. Die Hütten sind aber nicht zu vergleichen. Hier gefällt es mir richtig gut. Das könnte verschmerzen lassen, wie mühselige der Weg ist.

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