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Höhenprofil

Mittwoch, 27. Juli 2011

Tag 3: Winterwanderung

Valsavaranche - Col Lauson - Valnontey Streckenbeschreibung

Start: 10:30 Uhr - Stop: 19:00 Uhr - Kilometer: 22 (+Tragen) km - Höhenmeter: +1850 hm / -1800 hm - Maximale Höhe: 3299 m - Schnitt: 4,3 km/h - Max: 31 km/h - Fahrzeit: 5h (+1½h Tragen) - Temperatur: 2 - 17 C°

Agritourismo Lo Mayen (1610 m)
Agritourismo Lo Mayen (1610 m)

Heute steht das Highlight der Tour auf dem Programm. Zumindest nach Zahlen. Es ist der höchste Pass, den ich in 15 Jahren Alpentouren unter die Stollen nehme. Der Col Lauson, mit 3299 m. Eine gerade Linie ist es zwar nicht, aber dieser Schlenker ist alternativlos :) Schönes Wetter und klare Sicht sind natürlich unerlässlich, damit diese Etappe durch den Nationalpark des Gran Paradiso nich totaler Nonsens ist. Der Blick nach draußen motiviert uns deshalb zusätzlich ... es regnet, die Wolken hängen tief, es ist kühl. Als gegen halb 11 immer noch keine Besserung in Sicht ist, starten wir trotzdem. Das Tagesziel wollen wir nämlich noch bei Tageslicht erreichen. Und es ist keine Frage, dass wir unvernünftigerweise den Col trotz des Wetters versuchen. Eine Umfahrung würde bedeuten, zurück ins Aostatal zu rollen. Darauf haben wir keine Lust. Außerdem stirbt die Hoffnung zuletzt. Ich kann aber vorweg nehmen, dass das Hoffen umsonst war. Wir nehmen den höchsten Pass unseres bisherigen Lebens tasächlich beim schlechtesten Wetter der Tour in Angriff. Die einzige Variante ist die Regenstärke und dessen Aggregatzustand.

Nebelwald von Valsavaranche
Nebelwald von Valsavaranche
Alm Livionaz (2269 m)
Alm Livionaz (2269 m)

Ich habe gelesen, dass der Aufstieg direkt gegenüber der Agritouri beginnt. Da ist aber nix. Die miese Karte und das GPS geben auch kaum Hilfestellung. Der Hauptweg ab Eaux Rousses ist nach Berichten auf jeden Fall mit einigem Schieben verbunden. Deshalb versuche ich clever zu sein und dirigiere uns nach Tignet, ein Stück talabwärts, wo der Weg Nummer 10 beginnt. Er trifft später auf den, der in Eaux Rousses startet. Leider muss ich diese Entscheidung bitter bereuen und kann vom Nachahmen nur abraten. Bis zum Zusammenschluss der beiden Wege an der Alm Levionaz schleppen wir die Räder satte 600 hm durch den nebligen nassen Nadelwald. Bei insgesamt 1700 hm Aufstieg gleich ein guter Anfang. Der normale Weg kann auf keinen Fall schwieriger sein.

Auf dem Weg zum Col Lauson
Auf dem Weg zum Col Lauson
Wir sind nicht alleine ...
Wir sind nicht alleine ...

An der Alm verlassen wir den Wald und haben nun freien Blick, ca. 30 m. Mehr erlaubt der Nebel nicht. Der Regen hat aber etwas nachgelassen und das flachere Gelände ermöglicht auch kurze Fahreinlagen. Sie fallen aber kaum ins Gewicht. Im Wesentlichen befinden wir uns neben den Rädern. Es ist zwar schade, dass wir die Landschaft nicht sehen können, die Szenerie ist aber auch mit dem Nebel sehr beeindruckend. Mal dicht, dann wieder freier Blick. Minütlich sieht die Gegend anders aus. Anscheinend fühlen sich die Tiere dadurch besonders geschützt und streunen in großen Massen durch die Gegend. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Steinböcke gesehen und werde es vermutlich auch nicht mehr. Manche muss man schon länger betrachten, um zu erkennen, dass es nicht irgendwelche Standfiguren des Tourismusverbandes sind. Wir begegnen auch den ersten Wanderern, die vermutlich an der Rif. Vittorio Sella auf der anderen Seite gestartet sind. Sie schütteln nur den Kopf, als wir sagen, dass wir über den Lauson wollen. Das Gelände wäre ausgesetzt, es gäbe Schnee ...

Ankunft am Col Lauson (3299 m)
Ankunft am Col Lauson (3299 m)

Bis ins ans Aostatal grenzende Piemont hinein zieht sich der 70.000 Hektar große Nationalpark des Gran Paradiso (4061 m), in dem wir uns gerade befinden. Der ist aus einem alten königlichen Jagdrevier entstanden und 1922 eingerichtet worden. Eine Ewigkeit schieben wir den bequemen Pfad hinauf, der vor langer Zeit mit großem Aufwand angelegt wurde. Der Regen wird wieder stärker und es wird zunehmend kälter. Die Temperaturen sind schon sehr winterlich. Erstaunlich, mit welchen Klamotten wir hier herumstapfen. Zu Hause würde ich bei solchen Temperaturen niemals in kurzer Bikehose aus dem Haus gehen. Wo der ausgebaute Weg endet, ist aus dem Regen dichter Schneefall geworden. Auf dem Boden hat sich bereits eine dünne Schneeschicht gebildet. Wir müssen die Bikes wieder schultern und weitere 300 hm über fiese steile Geröllhalden nach oben kriechen. Die Aussicht auf die Passhöhe treibt mich vorwärts, denn schön ist das nun nicht mehr. Thomas ist ein gutes Stück vor mir. Nur seine Spuren im frischen Schnee veraten mir seinen Weg. In dichtem Schneetreiben, bei gut 10 cm Schneedecke erreiche ich die schmale Passhöhe. Blick nach Westen, Nebel, Blick nach Osten, Nebel. Gran Paradiso, keine Ahnung, ob es ihn wirklich gibt. Dennoch ist es ein Erlebnis, bei diesem Wetter hier oben zu stehen, ganz alleine, mit den Unbillen der Natur. Empfehlen kann ich es aber nicht unbedingt, denn eigentlich ist es die Aussicht und die Landschaft, die solchen Touretappen, auf denen man fast keinen Meter fahren kann, rechtfertigen. Und die Abfahrten.

Winterwanderung am Col Lauson (1)
Winterwanderung am Col Lauson (1)
Winterwanderung am Col Lauson (2)
Winterwanderung am Col Lauson (2)
Rif. Vittorio Sella (2584 m)
Rif. Vittorio Sella (2584 m)
Abfahrt vom Col Lauson
Abfahrt vom Col Lauson

Eine Abfahrt haben wir aber auch erst mal nicht vor uns. Zu viel Schnee liegt, als das wir in diesem ausgesetzen Gelände erwägen, aufs Rad zu steigen. So schieben wir hinunter ebenfalls wieder durch den Schnee. Das ist schade, denn bis auf die ersten Meter wäre der Weg durchaus fahrbar. So müssen wir warten, bis etwa 200 m tiefer der Aggregatzustand des Wassers langsam in Regen übergeht und die Reifen wieder Fuß fassen. Der Pfad macht nun auch bei diesen Umständen Spaß und lässt sich gut fahren. Bald erreichen wir die Rif. Vittorio Sella (2584 m), die ich als mögliche Übernachtung vorgesehen habe. Bei diesem Wetter kommt es aber für uns beide nicht in Frage, in einer unkomfortablen Alpenhütte abzusteigen. Es ist auch noch genug Zeit, weiter ins Tal ab zu fahren. Und den Entschluss bereuen wir keineswegs, als wir sehen, welche Wanderermassen uns wenig später entgegen kommen.

Abstieg nach Valnontey (1666 m)
Abstieg nach Valnontey (1666 m)

Unterhalb der Hütte wird der Weg sehr viel verblockter und erfordert bei dem schmierigen Untergrund Aufmerksamkeit. Dann ist Schluss mit Fahren. Der Hauptweg ist gesperrt und die dauerhaft eingerichtete Umleitung führt über einen bei den heutigen Verhältnissen wirklich extremen Weg weiter hinunter. Ich habe Berichte gelesen, die den Weg als Spielwiese für Techniker beschrieben haben. Das kann man kaum glauben. Der schlammige Boden ist durchzogen mit Wurzeln und Felsplatten und oft rutschig wie Glatteis. Wir haben unsere Mühe beim Schieben und Klettern nicht abzuschmieren und auf dem Hintern zu landen. Ich komme ins Fluchen, was sehr selten vorkommt. Erst die letzten Meter führen wieder über den ursprünglichen Weg und wir können wenigstens fahrend in Valnontey (1666 m) einrollen.

Großreinemachen
Großreinemachen

Der zum Schluss wirklich üble Abstieg hat viel Zeit gekostet und es ist spät geworden. Übernachtungsmöglichkeiten scheint es in dem kleinen Nest aber einige zu geben. Trotzdem will sich kein schneller Erfolg einstellen. Als wir es schon fast aufgeben, eine Bleibe in dem Ort zu finden, klappt es doch noch. Das Hotel Valereusa hat noch ein Plätzchen frei. Und es gibt sogar einen Schlauch hinter dem Haus, wo wir die Spuren des Tages beseitigen können. Ein Tag, den ich im Positiven und Negativen so schnell nicht vergessen werden. Der Col Lauson im Schnee und Nebel war beeindruckend, klar, aber den höchsten Pass der Tour ausgerechnet beim schlechtesten Wetter machen zu müssen ist Pech. Interessanterweise hat mich der Regen aber sonst kaum gestört. Vielleicht ein Erfolg der nagelneuen Regenjacke. Warum fahre ich zu Hause nicht mal häufiger, wenn es richtig schön nass ist? Fragwürdig ist das Unterfangen Lauson trotzdem. 1700 hm Hochschieben und Tragen stehen ein paar schöne Abfahrtsmeter zur Vittorio Sella gegenüber, um dann die Räder gut 500 hm auf übelstem Weg hinunter zu wuchten. Es ist klar, dass selbst bei trockenem Wetter nur wenige auf diesem Abschnitt fahren werden. Wenn der Fokus mehr auf Radeln als auf Landschaft genießen steht, ist dieser Pass die falsche Wahl. Wir lassen die Strecke in der gemütlichen Pizzeria direkt neben dem Hotel ausklingen und hoffen darauf, morgen etwas länger auf dem Rad sitzen zu können. Und auf ein paar Sonnenstrahlen natürlich.

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