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Sonntag, 29. August 1999

Tag 4: Über den Brennerkamm in die Stubaier Alpen

Nößlach - Vinaders - Brenner Grenzkamm - Gossensaß - Ridnaun Streckenbeschreibung

Kilometer: 61 km - Höhenmeter: 1500 hm - Schnitt: 11,8 km/h - Max: 67 km/h - Fahrzeit: 5¼ h

Brennerautobahn bei Vinaders
Brennerautobahn bei Vinaders

Es ist noch neblig, als wir uns um 9 Uhr auf den Weg machen, aber die Sonne ist schon zu erkennen. Ein paar Meter fahren wir wieder die Straße von gestern abend zurück, dann folgen wir ihr oberhalb der Brennerautobahn nach Vinaders (1269 m). Weil wir bald in Italien sind, will ich an einer Telefonzelle noch meine letzten Schillinge los werden und rufe zu Hause an. Dann beginnt der erste Anstieg für heute, es geht hinauf auf den Brennerkamm (2080 m).

Zunächst folgen wir der Forststraße Richtung Sattelalm (1637 m). Danach wird die Orientierung schwieriger. Da auf der Karte wegen der Grenze überhaupt kein Weg eingezeichnet ist, wissen wir an einer Abzweigung nicht weiter. Wir nehmen den oberen Weg. Als er einfach aufhört sind wir etwas ratlos. Während wir beraten, treffen wir eine Familie. Angeblich haben wir den richtigen Weg genommen. Vor uns liegt aber nur ein kleiner Pfad über eine Weide, die extrem nass aussieht. Wir versuchen es fahrenderweise. Das wichtigste ist, auf dem Rad zu bleiben. Einen Fuss auf den Boden und der Schuh ist voll mit Wasser. Wir sind bei weitem nicht die ersten, die hier durchfahren. Zahlreiche Reifenspuren deuten davon, dass das etwas verloren wirkende Schild 'Radfahren verboten' nicht besonders ernst genommen wird. Den beiden anderen voran, gelingt es mir ohne nasse Füsse die Weide zu durchqueren. Nun sind wir also in Italien, auch die Sonne scheint jetzt richtig.

Kaserne auf dem Brennergrenzkamm (2080 m)
Kaserne auf dem Brennergrenzkamm (2080 m)

Wir errreichen wieder einen schmalen Weg, der der andere Teil der Abzweigung von vorhin sein könnte. Dieser etwas breitere Pfad ist steil und hat einen schlechten Untergrund, wir schieben also die meiste Zeit. Als wir aus den Bäumen herauskommen, sehen wir oben am Berg die alte Brennergrenzkammstraße, es ist noch ein ordentliches Stück bis dahin. Viel Schieberei ist nötig, um endlich den Weg auf dem Kamm zu erreichen. Hier herrscht eine gespenstige Atmosphäre. Wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht stehen verfallene Kasernen entlang des Weges, der sich ohne große Höhenunterschiede den Berrücken entlang zieht. Von Österreich ziehen unheimliche Nebelschwaden über den Kamm herüber, die sich in der Sonne auflösen. Es herrscht totale Einsamkeit.

Blick vom Brennerkamm Richtung Süden nach Sterzing
Blick vom Brennerkamm Richtung Süden nach Sterzing
Brennergrenzkammstraße mit Nebelschwaden aus Österreich
Brennergrenzkammstraße mit Nebelschwaden aus Österreich

Nachdem wir die erste Kaserne ausführlich besichtigt haben, fahren wir eine Ewigkeit den Weg am Kamm entlang. Es ist eine sehr breite Buckelpiste. Mehrfach verliere ich meine Radflasche, die im Flaschenhalter keinen richtigen Halt findet. Nur Alexander sitzt auf seinem Fully wie auf einem Sofa. Der Weg geht ständig auf und ab und zieht sich von einer Bergkuppe zur nächsten. Wir machen erst mal eine ausgiebige Pause, um den wachsenden Hunger zu bekämpfen, und genießen die Aussicht.

Kurz vor dem Sandjoch (2166 m) beginnt die Abfahrt nach Gossensaß (1100 m). Auch diese Holperpiste ist eine Militärstraße gewesen, die sich ohne große Steigung in endlosen Serpentinen den Berg hinunterführt. Dort kommt es, wie es kommen musste. Alexanders schwache Radpumpe und mein doch etwas brutaler Abfahrtstil bekommen meinem Hinterreifen nicht gut und ich hole mir einen Durchschlag. Der allererste in meinem Leben. Fast im Schlaf wird der Schlauch gewechselt und mit vereinten Kräften wieder etwas Luft hineingepumpt. Ich sehne mich nach einer Tankstelle mit einem Kompressor. Die restlichen Höhenmeter nach Gossensaß fahre ich mit äußerster Vorsicht, um nicht noch einen Durchschlag zu bekommen.

Gossensaß ist geprägt von der Brennerautobahn, die in großer Höhe auf einer Brücke über das Tal führt, und von der Bahnlinie, die in einer Schleife kilometerweit in ein Seitental hineinführt, nur um Höhenmeter gut zu machen. Wir machen erst mal eine verspätete Mittagspause. Bei wunderschönen Wetter sitzen wir auf einer Terasse und essen alle drei Spaghetti. Danach geht es dicht an der Autobahn weiter, die uns sowieso schon den ganzen Tag begleitet.

Wir umfahren Sterzing (948 m) und biegen auf einer Nebenstraße ins Ridnauntal ein. Gemütlich geht es weiter bis Mareit. Weil es schon später Nachmittag ist, besteht Alexander darauf, dass wir uns noch telefonisch eine Unterkunft reservieren. Da sich keiner von uns in der Lage fühlt, noch über die 2726 m hohe Schneebergscharte zur Schneeberghütte zu fahren, wollen wir unsere heutige Etappe etwas verkürzen. Nachdem wir vergeblich versucht haben, die korrekte Nummer in den Apparat einer Telefonzelle zu tippen, ruft Alexander aus einem nahegelegenen Kiosk beim Plumhof an, ein Übernachtungsvorschlag aus unserer Wegbeschreibung, .

Die nächsten Kilometer ziehen sich fürchterlich. Auf einer stark befahrenen Autostraße fahren wir das Tal nach Ridnaun (1342 m) hinauf. Dabei müssen wir uns besonders vor italienischen Golffahrern in Acht nehmen. Es dämmert bereits, als wir die Einfahrt zum Plumhof erreichen. Als wir aber die vielen Sterne an diesem Hotel sehen, fahren wir schnell entschlossen weiter. Nach wenigen Metern befindet sich rechts das Hotel Gassenhof. Es hat zwar genau so viele Sterne, wirkt aber etwas schlichter. Nach einigem Zögern geh ich hinein um zu fragen, was eine Übernachtung kostet. In meinem Fahrraddress muss ich den vielen schicken Gästen fast wie ein Außerirdischer vorkommen.

Ich weiß nicht, ob ich mit dem Chef persönlich gesprochen habe, aber er hat sich über uns gefreut. Er würde uns einen guten Preis machen, sagt er (Ich glaube es waren um die 80 DM). Das dazugehörige Abendessen ist umwerfend. Es ist ein vier Gänge Menü in schickem Ambiente. Ich fühle mich, wie ein König. Endlich kann sich Felix mal richtig den Bauch vollschlagen, es hat für ihn in den letzten Tagen nämlich deutlich weniger zu futtern gegeben, als er sonst gewohnt ist. In Anbetracht dieses erstklassigen Essens und der wirklich schicken Unterkunft geht der Preis absolut in Ordnung, es kann also durchaus auch mal ein Hotel als Übernachtung herhalten. Vor dem Schlafen flicke ich noch den Schlauch und wir waschen unsere Sachen aus.

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