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Montag, 30. August 1999

Tag 5: Über die Schneebergscharte

Ridnaun - Schneeberg - Moos Streckenbeschreibung

Kilometer: 48 km - Höhenmeter: 1400 hm + 400 hm - Schnitt: 10,2 km/h - Max: 57 km/h - Fahrzeit: 4½ h

Talende hinter Ridnaun
Talende hinter Ridnaun

Wir haben im Bad einen beheizten Handtuchhalter gehabt und die Klamotten sind endlich mal richtig trocken geworden. Nach dem umfangreichsten Frühstücksbuffet der ganzen Tour sind wir um 9 Uhr wieder auf den Rädern. Bei strahlendem Sonnenschein rollen wir uns auf den letzten Metern des Tales warm. Da wir die gestrige Etappe verkürzt haben, wissen wir noch nicht, wie weit wir heute fahren werden.

Nach 5 Kilometern erreichen wir die Talstation des höchstgelegenen Bergwerks Europas (1417 m), wo der Aufstieg zur Schneebergscharte (2726 m) beginnt. Die ersten Meter machen Lust auf mehr. Eine Teerstraße mit fast 30% Steigung nimmt uns jegliche Hoffnung auf einen gemütlichen Anstieg. Zum Glück wird es schnell wieder flacher, allerdings jetzt auf Forststraße. Wir sind bereits aus den Bäumen heraus, können das Ende des Tales aber noch nicht erkennen. Alexander und Felix fahren immer ein Stück vor mir her. So kann ich meinen eigenen Tritt fahren und ab und zu anhalten, um etwas zu verschnaufen.

Die gesamte Auffahrt begleiten uns Reste des ehemaligen Bergwerks. Eine wahnsinns Leistung müssen die Bergarbeiter hier vollbracht habenm, um alles hinauf und hinunter zu schaffen. Wir benötigen etwa 1½ h, bis wir die Reste des Poschhauses (2112 m) erreichen, das den Bergleuten als Unterkunft gedient hat. Wir verkriechen uns hinter einer Mauer, um gegen den frischen Wind geschützt zu sein, und machen wieder Pause. Hoch oben können wir den Grat der Schneebergscharte erkennen. Noch immer liegen 600 hm vor uns.

Felix beim Aufstieg zur Schneebergscharte
Felix beim Aufstieg zur Schneebergscharte

Der Pfad, der vom Poschhaus weiter hinaufgeht, ist nicht fahrbar und wir beginnen zu schieben. Als es immer steiniger wird, trage ich mein Rad. Was ein Glück sind wir gestern hier nicht mehr hoch, es wäre stockdunkel geworden, bis wir an der Schneeberghütte angekommen wären. Zwei Wanderer ziehen mühelos an uns vorbei. Wir machen ein Päuschen und füllen noch einmal die Trinkflaschen an einer Quelle auf. Über grobes Geröll geht es immer weiter hinauf, hinter uns ein sagenhafter Blick zurück ins Tal. Überall sind Reste von Bergwerksbauten. Es ist beeindruckend.

Nach 1½ Stunden haben wir die Scharte erreicht. Die Sohle meines rechten Schuhs hat diesen Gewaltmarsch leider übel genommen und ist teilweise auseinandergebrochen. Fahren ist so zwar kein Problem, aber wenn wir wieder Schiebenn muss ich vorsichtig sein, damit der Schuh nicht ganz kaputt geht.

Schneeberg mit Schneeberhütte (eingekreist) und Schneebergscharte (ganz rechts)
Schneeberg mit Schneeberhütte (eingekreist) und Schneebergscharte (ganz rechts)

400 m tiefer liegt vor uns die Schneeberghütte, umgeben von ein paar Häuschen und einer Kapelle. Früher war dort mal ein richtiger Ort gewesen in dem die Bergarbeiter wohnten, aber ein Brand hat fast alles vernichtet. Die recht große Schneeberghütte wurde erst vor wenigen Jahren komplett renoviert. Wir schieben noch ein kleines Stück bergab und lassen uns zur Hütte rollen.

Das wäre also unser Übernachtungsvorschlag für gestern gewesen. Gemütlich wirkt die Hütte nicht, sie ist einfach zu groß, eigentlich ist es ein richtiges Haus. Heute Morgen habe ich die Idee gehabt, hier heute doch noch zu übernachten. Aber das ist quatsch. Es ist schließlich erst Mittag. Alexander will gerne so weit wie möglich weiterfahren, und die folgenden Etappen und Übernachtungen verschieben. Das passt mir aber überhaupt nicht, da ich so viele Hüttenübernachtungen mitmachen will, wie möglich. Diese Hütte ist mir schließlich schon verloren gegangen. Morgen soll es aber unbedingt die Eisjöchlhütte sein. Wir können uns nicht richtig einigen. Trotzdem essen wir etwas zu Mittag und machen uns wieder auf Weg. Draußen vor der Hütte ist es eisig, aber es geht ja bald hinunter ins Warme. Unser nächstes Ziel Moos liegt nur auf 1350 m. Doch bis dahin haben wir noch einige frustrierende Momente vor uns.

Wenige Meter unterhalb der Hütte fehlt Felix und wir halten an. Schiebend holt er uns wieder ein. Mein erster Gedanke: endlich mal nicht ich. Mit Genugtuung schaue ich zu, wie mal ein anderer seinen Schlauch wechseln muss. Er hat sich einen Durchschlag geholt, weil wir mit der Handpumpe und dem blöden Ventiladapter nicht genug Druck auf unsere Reifen bekommen. Wir fahren jetzt alle etwas vorsichtiger weiter, denn wir haben keinen Ersatzschlau und keinen einzigen Flicken mehr. Gar nicht so einfach, bei dem Gefälle. Felix dürfte wieder einen besonderen Spaß mit seinen Bremsen haben. Ganz nebenbei hat schon vor einer ganzen Weile seine Hinterradnabe den korrekten Dienst eingestellt und knarzt fürchterlich. Sie scheint aber sonst keine Probleme zu machen.

Statt am Ende des Fortsweges einfach die Timmelsjochstraße nach Moos abzufahren machen wir den großen Fehler, den Wanderweg E5 zu suchen, wie es in der Route steht. Schon bei unserer ersten Alpentour vor zwei Jahren hatten wir an einer anderen Stelle das Vergnügen mit diesem Alpenwanderweg. Auch dieses Mal bereuen wir es. Es ist wieder Schieben angesagt. Es geht zwar noch leicht bergab, aber Fahren ist auf diesem Wanderpfad nur stellenweise möglich. Als ich großes Fluchen hinter mir höre, ist Alexander gestürzt. Er konnte nicht mehr ausclicken, weil sich eine Schraube aus seinem Cleat verabschieded hat und dieses nun locker ist. Um weiterfahren zu können, muss er es ganz abschrauben. Ohne seinen Clickschuh können wir die nächste Etappe aber gerade vergessen. Die Stimmung ist wieder schlecht. Wegen der Diskussion um die Übernachtungen war sie sowieso schon seit dem Essen sehr gereizt.

Endlich wird der Weg besser und wir können uns nach Moos rollen lassen. Wir stehen direkt vor dem Gasthof Mooserwirt. In einem kleinen Lebensmittelmarkt fragen wir nach Flickzeug und einer Schraube für das Cleat. Keine Chance. Angeblich gibt es aber im 300 m tiefer gelegenen St. Leonhard ein Radgeschäft, bei dem wir so etwas bekommen können. Alexander schlägt nun vor, die Route komplett über den Haufen zu werfen, das Eisjöchl ganz auszulassen, und über St. Leonhardt Richtung Meran zu fahren, wo wir auf unserer Strecke sowieso vorbeikommen. Aber nicht mit mir. Das Eisjöchl ist der höchste Übergang dieser Tour und den will ich mir nicht entgehen lassen.

Schließlich einigen wir uns darauf, beim Mooserwirt einzuquartieren und dann ohne Gepäck noch einen Abstecher nach St. Leonhardt zu machen, um die nötigen Ersatzteile zu besorgen. Es ist erst 16 Uhr und zeitlich sollte das kein Problem werden. Auf der etwas unangenehmen Timmelsjochstraße rollen wir in kurzer Zeit nach St. Leonhardt. Zu unserem Entsetzen weiß dort aber niemand etwas von einem Bike-Shop.

Alexander und Felix beim aufpumpen vor dem 'Bike-Shop' in St. Leonhardt
Alexander und Felix beim aufpumpen vor dem 'Bike-Shop' in St. Leonhardt

Während wir etwas Rumkurven entdecken wir dann doch noch einen brauchbaren Laden. Drinnen sieht es zunächst überhaupt nicht nach Radgeschäft aus. Lauter Regale voll Schrauben und Metallteilen in allen Formen und Größen, aber keine Fahrräder. Wir bekommen aber doch, was wir wollen. Ich kaufe Flickzeug und zwei neue Schläuche, was bitter nötig war, und Alexander bekommt sogar eine Schraube für seinen Schuh. Neue Radschuhe will ich mir allerdings hier keine kaufen, obwohl es erstaunlicherweise welche gegeben hätte. Ebenso vertraut Felix weiterhin seiner kaputten Hinterradnabe. Bevor wir gehen, machen wir mit dem Kompressor vor dem Laden auf alle Reifen noch ordentlich Druck. Durchschläge sollten nun Vergangenheit sein.

Für die Rückfahrt nach Moos nehmen wir trotz 100 zusätzlicher Höhenmeter eine kaum befahrene Seitenstraße. Kurz bevor es dunkel wird, sind wir wieder an unserer Unterkunft. Erleichtert und mit der neuen Ausrüstung guter Dinge für die nächsten Tage. Zu meiner Freude sind die beiden auch bereit, morgen nur bis zum Eisjöchl zu fahren und doch noch dort zu übernachten, obwohl einen Tag später eine heftige Etappe auf uns wartet und Alex morgen gerne ein Stück weitergefahren würde.

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