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Höhenprofil

Samstag, 4. September 2004

Tag 4: Vom Oberengadin nach Italien

Passo del Bernina - Poschiavo - Val di Campo - Passo Val Viola Streckenbeschreibung

Start: 8:30 Uhr - Stop: 16:30 Uhr - Kilometer: 32 km - Höhenmeter: +1350 hm / -1350 hm - Maximale Höhe: 2450 m (Passo Val Viola)  Schnitt: 6,8 km/h - Max: 51,8 km/h - Fahrzeit: 4:40 h

Morgendlicher Blick vom Ospizio Bernina auf das Bernina-Massiv
Morgendlicher Blick vom Ospizio Bernina auf das Bernina-Massiv
Christian auf dem Trail am Lago Bianco zur Alp Grüm
Christian auf dem Trail am Lago Bianco zur Alp Grüm
Lago Bianco (2234 m) in der Morgensonne
Lago Bianco (2234 m) in der Morgensonne

Am Morgen strahlt uns wie immer die aufgehende Sonne entgegen. Heute erwartet uns eine kurze Etappe bis ins Val Viola, der ich mit Freude entgegen sehe. Die wirklich empfehlenswerte Übernachtung kostet uns 80 SFR (55 €), mittlerweile ist das kein Problem mehr. Wir sind keine zwei Meter unterwegs, da haut es Matthias auf dem Trail unterhalb des Hospitz' wieder auf die Schnauze. Es sah zwar übel aus, ist aber wieder gut gegangen. Mit etlichen Foto- und Filmpausen gelangen wir entlang des (aufgestauten) Lago Bianco zur Alp Grüm (2103 m). Dort gibt es Bilderbuchpanorama in allen Richtungen. Nach Westen erhebt sich in der gleißenden Sonne der gigantische Gletscher Vadret da Palü, der wie gemalt aussieht. Nach Süden haben wir 1000 Meter Tiefblick in Richtung Poschiavo. Zwischen all dem schlängeln sich wie auf einer Modelleisenbahn die Schienen der rätischen Eisenbahn, die auf dieser Seite des Passes noch imposanter wirkt. Nach Osten können wir bereits das Val da Camp erkennen, das wir später hinauf wollen.

Blick von der Terasse der Alp Grüm zum Piz Palü (3905 m) (rechts)
Blick von der Terasse der Alp Grüm zum Piz Palü (3905 m) (rechts)
Blick von der Terasse der Alp Grüm zum Lago di Poschiavo
Blick von der Terasse der Alp Grüm zum Lago di Poschiavo
Blick von der Terasse der Alp Grüm auf die Serpentinen der Rätischen Eisenbahn
Blick von der Terasse der Alp Grüm auf die Serpentinen der Rätischen Eisenbahn

Der Sinkflug ins Tal führt über einen super zu fahrenden trailartigen Wanderweg immer an den Schienen entlang bis Cavaglia und weiter bis kurz vor Poschiavo nach S.Carlo (1093 m). Dabei müssen wir immer wieder absteigen und die Schienen kreuzen. Schade, dass keine Bahn unterwegs gewesen ist. Natürlich geht Matthias noch einmal zu Boden und auch mir zieht ein übersehener Weidezaundraht buchstäblich das Rad unter dem Hintern weg.

Mittagspause an der Rifugio Saoseo
Mittagspause an der Rifugio Saoseo
Matthias und Daniel an der Rifugio Saoseo
Matthias und Daniel an der Rifugio Saoseo

Nach einer kurzen Frühstückspause müssen wir einen großen Teil der eben vernichteten Höhenmeter wieder zurück in Richtung Berninapass hinauf. Das ist der Preis für die landschaftlich und fahrtechnisch traumhafte Passage über die Alp Grüm. Alternativ bleibt nur die Abfahrt über die Passstraße, zumindest wenn man wie wir weiter in Richtung Val Viola möchte. Auf einer schön steilen Piste (ich denke, es sind die Überbleibsel einer alten Passstraße) geht es am Poschiavino-Bach nach Sfazu (1600 m), wobei mich einige Probleme mit meinem Hintern plagen. Klare Sache, dass ich diesen Aufstieg abgeschlagen auf dem letzen Platz beende.

Lago da Val Viola (2159 m)
Lago da Val Viola (2159 m)
Pause mit Blick auf den Cno. di Dosdé (3232 m)
Pause mit Blick auf den Cno. di Dosdé (3232 m)

Trotz des stark einsetzenden Hungers sind wir uns einig, auch noch die Höhenmeter bis zur Rifugio Saseo (1981 m) zu vernichten. Dort wird es dann aber wirklich Zeit für Nahrung und wir sitzen in der Sonne und verputzen diverse Sachen. Ich fühle mich total schlapp und zum Glück ist der Rest des heutigen Programms nicht mehr viel. Die Mittagspause dauert entsprechend lang. Nach der Rifugio können wir noch ein kurzes Stück fahren, dann beginnt ein Trail und es geht nur noch neben dem Bike vorwärts. Am Lago da Val Viola berücksichtigen wir den Tipp, die nördliche Wegvariante zu nehmen, und schieben unsere Räder durch die herrlich einsame Berglandschaft um einen stattlichen Hügel herum bis kurz vor die Passhöhe. Dann verliert sich der Weg zwar etwas, aber die Orientierung ist einfach. Ein kurzes Tragestück über ein Geröllfeld und wir sind irgendwo oben (2460 m).

Schiebepassage zum Passo Val Viola
Schiebepassage zum Passo Val Viola
Blick ins Val Viola mit Rif. Val Viola (2314 m)
Blick ins Val Viola mit Rif. Val Viola (2314 m)
Am Passo Val Viola (2432 m)
Am Passo Val Viola (2432 m)

Vor uns öffnet sich nun der Blick auf das Val Viola. Ganz klein und rot sehen wir das vorreservierte Tagesziel, die Rif. Val Viola (2314 m) vor uns im Tal liegen. Sie macht bereits von hier einen erbärmlichen Eindruck. Weiter in der Ferne reicht die Sicht bis in die Ortler-Region. Quer über die Wiese hinab erreichen wir einen verfallenen Weg, der uns bis zur Rifugio spült. Leichtes Entsetzen macht sich breit beim Anblick dieses Schuppens. Davor eine riesen Horde lärmender Schulkinder, die offensichtlich auch übernachten wollen. Die erste Idee, die ich habe: "Es ist noch früh, lasst uns weiterfahren". Da die weitere Route nur wenig weitere Übernachtungsmöglichkeiten bietet, ist das aber riskant. Die lobenden Kommenentare von anderen Alpencrossern im Kopf, sind wir dann doch bereit, es hier zu versuchen. Kaum haben wir die Hütte betreten, werden wir wieder rausgekehrt, es sei alles voll. Nach einigen Brocken italienisch haben wir geklärt, dass wir reserviert hatten, dürfen das Zimmer dennoch erst ab 18 Uhr beziehen. Nun ist es 16 Uhr. Immer noch unsicher, ob es gut ist hierzubleiben, verbringen wir zwei Stunden am kleinen See unterhalb der Hütte, machen Bilder und lassen die Seele Baumeln. Matthias und ich strecken kurz unsere Füße in das kalte Wasser.

Matthias' abendliche Fußwäsche, hinten Cno. di Dosdé (3232 m)
Matthias' abendliche Fußwäsche, hinten Cno. di Dosdé (3232 m)
Daniel nach seinem Vollbad
Daniel nach seinem Vollbad

Die Hütte kommt mir vor, wie im Film. Unser Zimmer ist ein Durchgangsraum mit zwei Doppelstockbetten, der immer wieder von Schülern durchquert wird. Es gibt in der gesamten Hütte nur eine Toilette, für über 30 Gäste. Dusche, Fehlanzeige. Beste Vorraussetzungen für eine gelungene Übernachtung. Als ob mir alles egal ist, beschließe ich nach langer Bedenkzeit ein alternatives Duschprogramm, ziehe mir die Badehose an und begebe mich noch einmal zum See. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen. Einmal kurz durchatmen, zwei, drei Schritte ins Wasser und ein beherzter Sprung. Das Herz beginnt zu rasen, ich bewege alles, was geht, schwimme drei Züge und klettere wieder ans Ufer. War mir vor diesem Schockbad noch kalt, kommt mir nun alles angenehm warm vor. Frisch gewaschen geht es also zum Abendessen. Ein ungemütlicher Raum mit zwei lange Tafeln. An einer 30 Schüler inklusive Begleiter, an der anderen drei Mountainbiker, die nicht so recht wissen, wie ihnen geschieht. Zum Essen gibt es Wein mit Polenta und Gulasch (vermutlich Kaninchen) und anschließend gebratene Hacksteaks. Alles ganz lecker. Zum Abschluss kommt der Wirt noch mit Glühwein. So entpuppt sich die Rifugio trotz der bescheidenen Bedingungen als tolles Erlebnis.

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