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Höhenprofil

Sonntag, 19. Juli 2009

Tag 7: Versöhnliches Ende

Lenk - Betelberg - Trütlisbergpass - Gstaad - Col de Jable - L'Etivaz - Lac de l'Hongrin - Col de Jaman - Montreux Streckenbeschreibung

Start: 09:00 Uhr - Stop: 19:00 Uhr - Kilometer: 77 km - Höhenmeter: +1800 (+900 Seilbahn) hm / -3400 hm - Maximale Höhe: 2036 m - Schnitt: 10,3 km/h - Max: 68 km/h - Fahrzeit: 7:30 h - Temperatur: 10 - 29 C°

Seilbahnstation am Betelberg (1943 m)
Seilbahnstation am Betelberg (1943 m)
Panoramaweg am Betelberg (1)
Panoramaweg am Betelberg (1)

Der Morgen lässt uns durchatmen. Kein Regen, und zwischen den Wolken sind erste Lücken sichtbar. Also werden wir es versuchen, heute doch wie geplant Montreux zu erreichen. Dies hätte einen besonderen Charme, denn wir haben herausgefunden, dass unsere Route dabei die heutige Etappe der Tour de France kreuzt, die bei einem Abstecher in der Schweiz den Col de Mosses befährt. Da ich seit Jahren parallel zur TdF auf Alpentour bin, wäre ein direktes "Kräftemessen" sicher spannend.

Im Hotel bin ich leider meiner Karte verlustigt worden, deshalb lasse ich mir noch schnell Fotokopien von der Hoteleigenen Karte machen. So ausgerüstet kreuzen wir hinüber zur Seilbahn. Wenn wir eine Chance haben wollen, heute den Genfer See zu erreichen, dann benötigen wir auf jeden Fall maschinelle Hilfe für die ersten knapp 1000 hm bis zum Betelberg (1943 m). Die Fahrt ist sehr interessant. Immer wieder queren wir Nebelbänke. Aber je höher wir kommen, umso mehr sind wir uns umgeben von Sonne und blauem Himmel. Der frische Schnee von gestern lässt die Bergspitzen in grellem Weiß erstrahlen. Wie im Bilderbuch! Der Boden ist allerdings extrem feucht, da freuen sich meine Schuhe.

Panoramaweg am Betelberg (2)
Panoramaweg am Betelberg (2)
Anfahrt zum Stübleni
Anfahrt zum Stübleni

Die nun folgende Passage lässt sich durch das Kartenstudium nur sehr schwer vorherahnen. Ich bin also sehr gespannt. Es steht eine längere Bergquerung an, wie viel davon fahrbar ist, keine Ahnung. Das erste Stück lässt aber bereits träumen. Ein fast ebenerdiger Höhenweg führt von der Seilbahnstation um die Anhöhe des Leiterli herum. Das Panorama des Hauptkamms ist immer im Blick. Traumhaft! Weiter in Richtung Stübleni lässt der Weg zeitweise das Träumen wieder vergessen. Immer noch flach, wird er nun zum schmalen Pfad, der offensichtlich vor allem von Kühen frequentiert wird. In Verbindung mit dem Regen der letzten beiden Tage gleicht das Fortkommen einer Wattwanderung. Spaziergänger sind ab hier wohl nur noch selten unterwegs. Wir sehen heute gar niemanden. Immer mehr Schneereste säumen zudem die Strecke. Dennoch ist die Passage bisher in Ordnung und bei trockenem Wetter eher entspannend.

Bizarre Bergformationen bei de Querung zum Trütlisbergpass
Bizarre Bergformationen bei de Querung zum Trütlisbergpass
Trail zum Trütlisbergpass (2038 m)
Trail zum Trütlisbergpass (2038 m)

Am Stübleni heißt es dann auf jeden Fall runter vom Rad. Wir haben den nördlichen und kürzeren der beiden möglichen Wege genommen. Ca. 100 hm muss das Rad nun nach oben gestoßen werden. Im Schneematsch vor allem ein Spaß für die Füße. Oben angekommen erwartet uns ein äußerst bizarres Gelände, wie ich es vorher noch nirgendwo gesehen habe. In der Karte nennt es sich Steinmader. Der ganze Bergrücken, über den nun auch der Weg weiter verläuft, sieht aus, als wäre er in einen Bombenhagel geraten. Lauter kleine Krater, um die sich der Weg kunstvoll herumschlängelt. Ich fühle mich wie im Kugellabyrinth, wo eine Kugel geschickt um viele Löcher herum ins Ziel gesteuert werden muss. Einige der Löcher sind respektabel tief, so dass fahren zwar möglich ist, aber nicht überall sinnvoll erscheint.

Anfahrt zum Türli (1986 m)
Anfahrt zum Türli (1986 m)
Metallroste im Turbachtal
Metallroste im Turbachtal
Oberes Turbachtal
Oberes Turbachtal

Nach dem lustigen Löcherfeld rollen wir einen matschigen Trail bis zum Trütlisbergpass. Warum sich dieser Punkt Pass nennt, ist nicht ganz klar. Es kreuzen sich einfach nur ein Paar kleine Wanderpfade auf einer Wiesenkuppe. Für uns hat er ohnehin keine Bedeutung, da wir noch ein Stückchen im Sumpf weiter trailen dürfen/müssen, bis am Türli (1986 m) das unbekannte Turbachtal beginnt. Der intuitivste Weg nach Gstaad ginge zwar im Westen hinunter nach Lauenen (wir können in der Richtung sogar schon den nächsten Pass Col de Jable sehen). Beim Studium der Karte fällt der Blick aber irgendwann auf das nach Norden abzweigende Turbachtal, das ebenfalls nach Gstaad führt. Dieses erscheint wesentlich ursprünglicher und einsamer. Wir werden auch nicht enttäuscht. Trotz der nicht gerade alpinen Höhe erscheint das Tal urig und wild. Noch dazu ist alles komplett fahrbar. Dort wo wir wegen des sumpfigen Bodens nicht hätten fahren können, hat ein netter Mensch Metallroste auf den Trail gelegt. Etwas Fahrtechnik ist zwar von Nöten, aber das erscheint vermutlich nur so, weil wir in den letzten Tagen eigentlich nie richtig gefordert wurden.

Unteres Turbachtal
Unteres Turbachtal

Nach dem Wechsel auf die andere Seite des Turbaches führt ein Fahrweg weiter hinunter. Das Tal wird langsam belebter. Als eine Asphaltstraße beginnt, entdecken wir einen Pfad zwischen den Bäumen direkt am Bach. Wir folgen dem Kinderwagentauglichen Trail ein paar Kilometer und rollen zum Schluss auf Straße in das mondäne Gstaad (1050 m) ein, das ursprüngliches Etappenziel für gestern. Zum Glück ist uns hier die Übernachtungssuche erspart geblieben. Es ist Sonntag und der Ort wirkt seltsam ausgestorben. Zu einer Pause lädt er jedenfalls nicht ein. Diese machen wir ein Stück hinter dem Ort, kurz bevor es durch den Meielsgrund wieder hinauf geht zum Col de Jable (1884 m). Dies ist bereits der zweite Pass und es ist gerade erst Mittag, wir liegen gut in der Zeit. Bisher läuft die Etappe besser als erwartet. Da die (deutschsprachigen) Schweizer fast alle Almwege bis zur letzten Hütte asphaltiert haben, ist auch diese Auffahrt kein großes Problem. Ich muss zwar wieder etwas abreißen lassen, bin aber nicht zu weit zurück. Die letzten 100 hm sind dann ein sumpfiger Kuhweg.

Kuhweide
Kuhweide

Am Col de Jable kann man beim Blick in den Westen den Genfer See bereits erahnen. Der Pass ist auch der Übergang von der deutschsprachigen in die französische Schweiz. Ich habe über ihn im Vorfeld so gut wie nichts gefunden und bin gespannt, wie es nun weiter geht. Bis zur Alm Gros Jable ist es nur ein kurzes Stück auf verblocktem Pfad, natürlich wieder ziemlich nass. Dort sollte ein Pfad an der Versorgungsseilbahn hinunter führen. Leider ist dieser nicht offensichtlich und wir fahren fälschlicherweise in der Höhe weiter auf einem Wiesenweg bis zur nächsten Alm. Da es (noch) ganz gut rollt, folgen wir dem Weg weiter. Ein schöner Trail führt nun weiter bis zur Baumgrenze. Dort wird es dann knackig. Aus dem schönen Trail wird ein wurzeliger steiler Wanderpfad, der sich bald gabelt. Wir versuchen zunächst die rechte Variante, bei der an Fahren aber nicht mehr zu denken ist. Deshalb drehen wir um und nehmen die linke Variante. Dort wird gerade eine Kuhherde durch die Bäume getrieben, was uns (noch) nicht besonders interessiert, denn der Weg wiegt uns in trügerischer Sicherheit. Kaum sind die ersten Höhenmeter vertilgt, führt er aber über die zuvor noch von den Kühen bewohnte Weide. Diese haben praktisch alles dem Erdboden gleich gemacht. Außer tausender Hufabdrücke, gefüllt mit Wasser oder irgendwelchen Kuhexkrementen, ist nichts mehr zu erkennen. Es geht immer noch steil hinunter, aber fahren ist praktisch unmöglich. Mit viel Gefluche und schönen Grüßen an die Kühe erreichen wir total versaut das untere Ende der Weide. Die letzten Meter bis zum Talgrund (1251 m) führen praktisch weglos über eine Wiese, ein Zeichen, dass wir hier eigentlich nix zu suchen haben. Fazit: dieser Weg ist definitiv der falsche.

Kollision mit der Tour de France in L'Evitaz
Kollision mit der Tour de France in L'Evitaz
Daniel im Peloton
Daniel im Peloton

Der Abstieg hat uns viel Zeit gekostet. Als wir in L'Evitaz (1140 m) den Kurs der Tour de France erreichen wissen wir nicht, wie weit das Feld bereits ist. Ein Absperrband hält uns noch von der Straße fern. Wir schlängeln uns vorbei und Schieben ein Stück die Straße hinauf. Es säumen noch zahlreiche Zuschauer den Straßenrand. Anfeuerungsrufe deuten auf die nächsten Fahrer hin, es sind aber nur zwei. Als sie vorbei sind, schwingen wir uns auf unsere versauten Räder und fahren unter kritischer Beobachtung sämtlicher Zuschauer ebenfalls in Richtung Col de Mosses die Straße hinauf. Es geht schön beständig bergan. Wir sind aber nicht die einzigen Radler. Viele Hobbyrennfahrer sind ebenfalls unterwegs. Thomas und Andreas scheint das ein enormer Ansporn zu sein, ich kann sie jedenfalls schon nach kurzer Zeit nicht mehr sehen. Dann kommt noch mal ein TdF-Fahrer, es ist offensichtlich der Letzte und er macht keinen guten Eindruck. Sein Tempo ist aber immer noch beachtlich, im Vergleich zu mir.

Lac de l'Hongrin (1) (1255 m)
Lac de l'Hongrin (1) (1255 m)
Lac de l'Hongrin (2)
Lac de l'Hongrin (2)
Murenabgang
Murenabgang

Die anderen haben derweil auf mich gewartet. Im Trubel der per Rennrad oder Auto abreisenden Zuschauer schlängeln wir uns gemeinsam bis nach La Lécherete (1379 m). Dort können wir das Chaos endlich hinter uns lassen und nach einer kurzen Pause dem Lac de l'Hongrin entgegen radeln. In leichtem Auf und Ab folgen wir einer alten Straße am Ufer dieses Stausees. Die Staumauer besteht aus zwei Bögen, die sich in der Mitte interessant an einem Felsen abstützen. Landschaftlich hat der See aber keine besonderen Reize und die Berge in der Umgebung sind bereits deutlich kleiner. Unterhalb der Mauer geht es weiter auf dem Sträßchen abwärts durch ein waldiges enges Tal. Wir sind für uns alleine und im gedämpften nachmittäglichen Sonnenlicht wirkt die verlassene Straße etwas unheimlich. Kein einziges Auto ist zu sehen und wir wissen auch bald warum. Ein Murenabgang hat die Strecke unpassierbar gemacht. Wie einige andere Radler, die dort gestrandet sind, versuchen wir eine Stelle ausfindig zu machen, wo man ohne viele Umstände den Bach queren kann, der nun inmitten von viel Geröll dort fließt, wo mal die Straße war. Nachdem das mit etwas feuchten Füßen gemeistert ist, kann endlich der 500 hm lange Zielanstieg zum Col de Jaman (1512 m) beginnen.

Ankunft am Col de Jaman (1512 m)
Ankunft am Col de Jaman (1512 m)

Doch zunächst noch einen Powerbar, denn der lange Tag zeigt Spuren. Wir hatten auch keinen Supermarkt zu Mittag. Die Auffahrt wird hart werden, aber das bevorstehende Ziel motiviert. Wasser ist ebenfalls ziemlich knapp, aber an einer kleinen Alm steht brav ein Brunnen. Auf einem unscheinbaren Sträßchen fahren wir schließlich bergan bis zu einem kleinen Bahnhof, der zu der Strecke Montboven - Montreux gehört. Die Gegend erscheint etwas gottverlassen und ich hätte in dieser Höhe wahrlich keine Zugstrecke erwartet. Kurz hinter dem Bahnhof verschwinden die Gleise in einem Tunnel und wir bzw. ich hoppele auf immer schlechterem Untergrund der nächsten Alm entgegen. Bei langen Auffahrten montiere ich den Rucksack immer auf einem Stummelgepäckträger. Bei diesem Weg ist das wenig lustig, denn bei jedem Schlagloch wird das Bike vom Rucksackgewicht in die Tiefe gedrückt. Irgendwann nehme ich ihn doch auf den Rücken. Die Piste hat zwar keine große Steigung aber sie ist in so schlechtem Zustand, dass die meiste Kraft im Untergrund landet. Man merkt, dass wir uns in der französischen Schweiz befinden. Es wirkt alles nicht mehr so aufgeräumt und die Almwege sind nicht mehr durchasphaltiert.

Genfer See vom Col de Jaman
Genfer See vom Col de Jaman
Abfahrt zum Genfer See
Abfahrt zum Genfer See
Montreux
Montreux

Knapp oberhalb der Baumgrenze erreiche ich bei bereits tiefstehender Sonne den Col und sammele Thomas und Andreas wieder ein. Von nun an geht es nur noch bergab. Vor uns liegt majestätisch der Genfer See. Nicht schlecht als Ziel einer Alpentour. Bis Montreux (375 m) liegt noch eine lange Abfahrt vor uns, dafür kommt nun nur noch die Straße in Frage. Diese rollt sich ausgezeichnet, das Gefälle ist nur mäßig und die Bremse kann eine zeitlang im Rucksack bleiben :) Wir fahren ewig bergab, Verkehr ist fast keiner. Erst weiter unten wird es steiler und belebter. Wir passieren das Bergdorf Caux und kreuzen wieder eine kleine Bahnstrecke. Anscheinend haben die Schweizer in dieser Ecke jeden Hügel per Bahn erschlossen.

Blick von Montreux ins Rhonetal
Blick von Montreux ins Rhonetal
Die beiden Erstplatzierten
Die beiden Erstplatzierten
Uferpromenade in Montreux
Uferpromenade in Montreux

Nach zahlreichen Kehren und viel Highspeed erreichen wir das Zentrum von Montreux und stecken mitten im Autoverkehr. Erst mal zum See! Die Uferpromenade ist sehr belebt, und wir rollen noch eine Weile durch die Menge, bevor wir endlich die Ankunft in Ruhe genießen können. Es hat also geklappt, trotz der Wetterquerelen der letzten beiden Tage doch noch in der geplanten Zeit das Ziel zu erreichen. Da ist auch der Einsatz der Seilbahn verschmerzbar.

Etwas schwierig gestaltet sich die Hotelsuche. Ich habe zwar ein paar Adressen aufgeschrieben, aber die entsprechenden Straßen und Hausnummern ausfindig zu machen, ist mühselig. Das erste Hotel sieht unmöglich aus, das nächste hat keinen Platz für uns. Also wieder zurück, schließlich ist es schon spät. Die Rezeption besteht nur aus einem Telefon, die Kontaktaufnahme funktioniert aber, also alles bestens. Und direkt hinter dem Hotel ist der Bahnhof, sehr praktisch. Das Hotel ist zwar wenig heimelig, aber es ist günstig. Für eine Nacht eigentlich genau richtig.

Den Abend verbringen wir in einer Touripizzeria an der Uferpromenade, perfekt für ein stilvolles Abschlussessen. Es wird nicht allzu spät, nach dem langen Tag verständlich. So geht eine tolle Tour bei guter Stimmung zu Ende. Es war alles dabei, gemütliches Einrollen, hochalpiner Surenenpass, traumhafte Landschaft in der Jungfrauregion, Sonne, Regen und sogar Schnee. Pannen sind keine aufgetreten, nicht mal einen Platten hatten wir.

Abschied von Pension Wilhelm
Abschied von Pension Wilhelm
Letztes Bild aus Montreux
Letztes Bild aus Montreux

Da wir aus unserem Zimmer auf den Bahnsteig sehen können, ist die Rückfahrt zum Auto am nächsten Tag sehr unkompliziert. Die Abfahrzeiten hatte ich schon vorher recherchiert, wir müssen nur noch die Tickets und etwas Verpflegung einkaufen. Dann verabschieden wir uns auch schon von Montreux (ohne ein einziges Bad im Genfer See genommen zu haben). Zugfahren in der Schweiz ist zwar nicht preiswert, aber extrem stressfrei. Umsteigen, Anschlusszüge, Bikes transportieren, alles klappt perfekt. Die Ankunft am Auto bringt ein weiteres Highlight mit sich: das von mir vermisste Mobiltelefon (siehe Tag 2) liegt unschuldig im Fach an der Fahrertür. Also Ende gut, alles gut. Nur schade, dass es vorbei ist. Am frühen Abend bin ich wieder zu Hause und verabschiede auch Andreas, der noch ein paar weitere Kilometer Heimfahrt vor sich hat. Tolle Tour!

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