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Höhenprofil

Donnerstag, 7. Juli 2005

Tag 6: Weltreise zum Gardasee

Rifugio Alpino Marcesina - Ortigara Hochebene - Rifugio Larici - Monte Rovere - Lavarone - Passo Sommo - Folgaria - Serrada - Rovereto - Riva Streckenbeschreibung

Start: 8:30 Uhr - Stop: 19:00 Uhr - Kilometer: 116 km - Höhenmeter: +2000 hm / -3200 hm - Maximale Höhe: ca. 1926 m (Bocca Portule)  Schnitt: 14,5 km/h - Max: 58 km/h - Fahrzeit: 8:00 h

Der Wirt fragt uns, wo es heute hingehen soll. Ich weiß es eigentlich nicht. Geplant ist, in der Gegend des Passo Coe eine Bleibe zu finden. Vielleicht können wir aber auch bis zum Gardasee durchfahren. Ich kann die Strecke schlecht einschätzen, es wäre aber extrem weit.

Das Wetter ist sehr diesig auf den ersten Kilometern in Richtung Ortigara. Ich kenne die Strecke bereits und weiß, dass die Auffahrt leicht aber stinkelangweilig ist. Bei diesem Wetter sollten wir mit unseren Wasserreservern problemlos bis zur nächsten Wasserstelle kommen, die wir erst in ein paar Stunden erreichen werden. Die Gegend ist extrem trocken und ich denke nur ungern an 2002 zurück, als ich mit Elmar bei schönstem Sonnenschein einen ganzen Tag ohne Essen und Wasser auskommen musste.

Über Malga Buson und Malga Moline erreichen wir das karge, baumlose Ortigara-Hochplateau, das eine traurige Vergangenheit als Kriegsschauplatz im Ersten Weltkrieg hinter sich hat. Nach dem Besteigen des duchlöcherten Gipfels bei der letzten Tour, will ich heute die normale Piste über Monte Forno (ca. 1900 m) und Bivio Italia nehmen. Die dunstige Wolkendecke wird dabei immer dichter und verleiht der ohnehin schon authentischen Gegend noch mehr Stimmung. Sehr beeindruckend. Es könnte aber jeden Moment anfangen zu regnen ...

Ortigaraebene: Untergangsstimmung
Ortigaraebene: Untergangsstimmung
Ortigaraebene: Verfahrer am Rif. Tre Fontana
Ortigaraebene: Verfahrer am Rif. Tre Fontana

Der Weg ist nicht steil, aber die vielen Kilometer auf losem Schotter kosten viel Kraft. Nur so kann ich mir den folgenden Orientierungsfehler erklären. In der Annahme bereits am Bivio Italia zu sein, biegen wir links ab und fahren leicht bergab. Nach einer Weile wundere ich mich doch, dass mir die Gegend so gar nicht bekannt vorkommt. Während Alexander dem einzigen Platten auf der gesamten Tour professionell zu Leibe rückt, habe ich Zeit, die Karte zu studieren. Sofort wird klar, dass wir falsch gefahren sind, wir stehen nämlich kurz vor der Malga Galmarara (ca. 1600 m). Glücklicherweise führt ein weiterer Weg ohne große Verluste wieder zur richtigen Route am Erzherzog-Eugen-Denkmal (1864 m), aber ich hätte Alexander gerne die Kriegshinterlassenschaften auf der nördlicheren Piste gezeigt. Es geht ständig rauf und runter und wir haben das Gefühl überhaupt nicht vorwärts zu kommen. Es ist kalt und Hunger macht sich breit. Ich verfluche die Erbauer dieser Piste.

Erzherzog-Eugen-Denkmal
Erzherzog-Eugen-Denkmal

Nach dem Denkmal wird es hinauf zur Boccha di Portule (ca. 1950 m) richtig fies. Die Sicht geht nun gegen Null, wir hängen mittem im Nebel. Irgendwelche Fahrzeugkolonnen mit Touristen nerven zusätzlich. Dann endlich der lang ersehnte Brunnen, nun sind wir gleich oben. Auf der Abfahrt von der Bocca zur Rifugio Larici (1658 m) lichtet sich der Nebel etwas, die Wolken sind aber weiterhin drückend.

In der Rifugio bestellen wir gierig zwei Teller Spaghetti. Ich habe zwar kein Geld mehr, aber Alexander will aushelfen ... oder besser gesagt wollte. Nach dem Essen zeigt sich, dass auch er nicht mehr genug hat. Ups. Einsame Hütte in verlassener Gegend? Die nächste Bank ist Stunden entfernt. Kreditkarte, hier? Eher nicht, meint Alexander. Er geht zur Wirtin und versucht sie gestikulierend dazu zu bringen, uns die Bankverbindung zu geben, damit wir ihr das Geld später überweisen können. Sie versteht es anscheinend nicht. Nachdem ich das Hin und Her längere Zeit aus der Ferne beobachtet habe, kommt Alexander zurück und sagt, er hat doch mit Kreditkarte bezahlen können. Also, warum nicht gleich so und erst dieser Stress?

Wir stolpern wieder raus in die Kälte. Bei diesem bewölkten und diesigen Wetter macht es keinen Spaß, die Tour noch bis morgen auszudehnen. In uns reift der Gedanke, heute noch bis zum Gardasee zu fahren. Dann aber los. Ein kurzer Anstieg und wir können uns kilometerlang Rollen lassen bis zum Forte Busa Verle am Passo Vezzana (1404 m). Auch dieses Jahr mus der Piz Levico weiter auf mich warten. Um Zeit zu sparen nehmen wir nun die Straße und fahren über Monte Rovere (1255 m), Lago di Lavarone (1172 m) nach Carbonare (1174 m). Zwischenzeitlich nieselt es mal kurz. Wie kümmern uns nicht um die Landschaft und schauen uns keine Fort-Reste an. Wollen einfach nur Strecke machen.

Bei der Auffahrt zum Passo del Sommo (1343 m) kann ich Alexander nicht folgen. Ich sage nur noch zu ihm, dass wir durch San Sebastiano fahren, um ein Stück der Hauptstraße zu entkommen. Ich ahne bereits, dass das nicht bei ihm angekommen ist. Mit leichten Sorgen kurbele ich durch den Ort und die weitere Strecke hinauf. Normalerweise müssten wir uns oben wieder treffen. Doch am Pass sehe ich keinen. Kurzer Schreck. Erst einige Meter dahinter wartet er auf mich. Gerade heute können wir keinen Zeitverlust wegen solcher Unstimmigkeiten gebrauchen.

Strada Vecchia (1)
Strada Vecchia (1)
Strada Vecchia (2)
Strada Vecchia (2)

Wir fahren jetzt nicht in Richtung Passo Coe weiter, sondern hinunter nach Folgaria (1166 m), um dann Kurs auf Serrada (1250 m) zu nehmen. Leider müssen wir dazu nach Folgaria hinein, da der Versuch, über Francolino ein paar Höhenmeter zu sparen, mangels detailerter Wegbeschreibung fehlschlägt. Wir sind mittlerweile gut bedient. Es ist Nachmittag und das normale Tagespesnum bereits überschritten. So entwickeln sich die wenigen Meter auf der Straße nach Serrada zum Kampf. Danach ist dann erst mal Ausruhen auf der Abfahrt angesagt. Immerhin kann ich Alexander noch überreden, ein Stück der Strada Vecchia auszuprobieren, das mir Elmar genannt hat. Es hat sich gelohnt. Am Anfang wirkt der Weg wie ein zugewachsender unfahrbarer Pfad, zeigt sich aber als genialer nicht zu technischer Trail, der auch mit ausgelaugtem Körper noch gut zu fahren ist. Nachdem meine Bremsen bisher nicht viel zu tun hatten, gebe ich hier nochmal alles. Nun bin ich nicht mehr zimperlich, denn die paar Meter werden sie (vor allem die vordere) nun auch noch halten.

Bei Perini gelangen wir wieder auf die Straße. Die Vecchia scheint zwar noch weiterzugehen, aber wir fahren nun ohne weitere Experimente die Straße bis nach Rovereto (204 m) hinunter. Einmal quer durch den italienischen Feierabendverkehr, stehen wir in der Nähe des Bahnhofs an dem Supermarkt, an dem ich schon einmal so beschaulich Mittag gemacht habe. Kurz vor Feierabend gönnen wir uns eine kleine Mahlzeit. Ich rufe noch in der geplanten Pension Beniamino in Riva an und mache unsere Übernachtung klar. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen.

Tusch! (1)
Tusch! (1)
Tusch! (2)
Tusch! (2)

Gediegen rollen wir über den Radweg die letzen 25 km hinüber zum Gardasee bis zur Pension, in der ich letztes Jahr zum ersten Mal abgestiegen bin. Wir haben das Ziel erreicht. Ich bin erstaunt, dass die gesamte Strecke so gut an einem Tag zu schaffen war. Auf der Karte hat das Unterfangen auf den ersten Blick unmöglich ausgesehen. Ok, knapp 120 km ist einiges, aber ein gelungener Tourabschluss spornt ungemein an. Das Wetter wurde Richtung Gardasee auch immer besser. Zwar wolkig, aber trocken.

Alexander, Pizzeria, Regen
Alexander, Pizzeria, Regen
Riva, Hafen, Regen
Riva, Hafen, Regen

Leider hält es nicht besonders lange an und so verbringen wir den Abend in der Stammpizzeria Centrale am Hafen bei einem Novum: Dauerregen. Es regnet wirklich den ganzen Abend lang. Nebenan findet auf einer Showbühne eine Modenschau statt. Wenn es nicht so kalt wäre, wäre der Bikini noch die passendste Bekleidung gewesen. Dank des Wetters betrinken wir uns dieses Jahr sehr zurückhaltend. Nun gut, ich habe auch den 9. Alpencross hinter mir und bin bei aller Freude nicht groß beeindruckt, den Gardasee erreicht zu haben.

Riva, Sonne, Strand
Riva, Sonne, Strand

Wie üblich noch ein paar Worte zum weiteren Ablauf. Am Tag darauf geht Alexander Shoppen während ich mich an den Strand flötze. Super Wetter, aber kalt. In den See gehe ich nicht. Am nächsten Tag dann die Abreise. Ich wollte unbedingt früh nach Hause, damit ich meinen Sohn am Abend noch sehen kann. Wie er sich in der Woche verändert haben mag? Alexander will lieber einen Zug später nehmen. Wir losen. Ich verliere. Mist. Ich bin etwas angesäuert wegen seiner Rücksichtnahme, füge mich aber dem Schicksal. Einen Vorteil hat es aber, denn wir können ausnahmsweise mal vor der Abreise noch am Frühstück teilnehmen. Dann das Übliche: Anderthalb Stunden Radweg bis zum Bahnhof in Rovereto und Zug bis zum Brenner. Nun noch zum Auto: runter nach Gries, kein Thema, dann aber nochmal 200 hm hoch nach Obernberg, heftig. Wir müssen nochmal richtig reintreten. Obwohl es früher Nachmittag ist, bekommen wir im Gasthaus Egg noch eine „Kleinigkeit” zum Essen angeboten. Das können wir gebrauchen. Dass es dann ein ausgedehntes Menü wird, ist aber zuviel des Guten. Wir müssen zwar nicht viel bezahlen, aber eine Woche Bergtraining sind sind wieder futsch. Außerdem hat das Gelage verdammt lange gedauert. So wird es Mitternacht, bis ich zu Hause bin. Da hilft auch Alexanders Fahrstil nichts mehr: Auf der Autofahrt umfahren wir die von Unfällen verstopfte A3 nach Frankfurt über die entsetzlich leere A7. Sein Firmenwagen kommt ins Rollen: fast eine Stunde konstant Tempo 200 habe ich vorher auch nich nicht erlebt. Der Umweltschutz dürfte dabei allerdings zu kurz gekommen sein. Bis ich mein Rad dann in mein Auto umgeladen habe und die letzen 80 km gefahren bin, ist es 23 Uhr. Der Sohn lange im Bett, die Mutter auch ... Enttäuschung ...

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