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Höhenprofil Tag 4
Höhenprofil Tag 4

Mittwoch, 2. September 2020

Tag 4: Unglückstag

Eaux Rousses - Alpe Levionaz - Col Lauson - Rifugio Sella - Valnontey Streckenbeschreibung

Start: 8:50 Uhr - Stop: 17:30 Uhr - Kilometer: 24 km - Höhenmeter: +1725 hm / -1725 hm - Maximale Höhe: 3299 m - Fahrzeit: ca. 5 h

Eau Rousses (1680 m) am Morgen
Eau Rousses (1680 m) am Morgen
Reiterweg zum Alpe Levionaz
Reiterweg zum Alpe Levionaz

Der Tag beginnt wie üblich sonnig und kalt. Die Erfahrung am Col Rosset hat uns optimistisch gestimmt, dass der heutige Übergang über den 3300 m hohen Col Lauson nicht im Schnee versinkt. Endlich kann ich den Pass bei schönem Wetter erleben. Zur Abschreckung kann man gerne mal hier nachschauen. Noch dazu wählen wir nun von Beginn an den richtigen Weg und nicht die Trageorgie, die ich 2011 im unteren Teil gemacht habe. Der ehemalige Reitweg beginnt nämlich praktisch direkt am Hotel und ist bei mäßiger Steigung tatsächlich bis fast ganz oben fahrbar. Freilich muss man an einigen verblockten oder verfallenen Stellen doch runter vom Rad. Mit zunehmender Höhe wird dann die Luft zu dünn.

Ankunft Alpe Levionaz (2280 m)
Ankunft Alpe Levionaz (2280 m)
Alpe Levionaz (2280 m) (1)
Alpe Levionaz (2280 m) (1)
Alpe Levionaz (2280 m) (2)
Alpe Levionaz (2280 m) (2)
Einfahrt ins Hochtal an der Alpe Levionaz
Einfahrt ins Hochtal an der Alpe Levionaz

Hochtal an der Alpe Levionaz
Hochtal an der Alpe Levionaz
Steinbockbeschau
Steinbockbeschau

Nach der ersten Geländestufe gelangen wir an der Alpe Levionaz (2280 m) in ein flaches traumhaftes Hochtal. Dort werfe ich erst mal den Anker aus. Das Hinterrad blockiert. Dort haben sich die Schrauben des Schlatauges nach innen zur Kassette herausgedreht und diese in die Zange genommen. Nach zwei Anläufen dreht sich alles wieder und der Aufstieg geht weiter.

Das ganze Gebiet gehört zum Gran Paradiso Nationalpark und ist bekannt für die vielen Steinböcke, die dort leben. Diese lassen sich auch nicht lange bitten und posieren mit ganzen Herden vor meiner Kamera. Sie halten sich nicht in der größten Höhe auf, sondern dort, wo das Gelände noch nicht eine wüste Mondlandschaft ist.

Ziel in Sicht
Ziel in Sicht
Auffahrt auf altem Reiterweg
Auffahrt auf altem Reiterweg

Als sie aus dem Blick verschwunden sind, machen wir eine kleine Mittagspause und kratzen die Reste aus dem Rucksack. Die Versorgungslage ist heute dürftig. Weder gestern noch heute hatten wir eine Möglichkeit, irgendwo etwas zu kaufen. Das ist ein Problem. Die erste Möglichkeit zum Essen fassen, ist nämlich die Rifugio Sella auf der anderen Seite. Dies hat auch Auswirkungen auf die Route. Dazu gleich noch mehr.

Kurz vor dem Pass ist die Ausbaustrecke zu Ende. Die letzen 300 hm müssen geschultert werden und sind hart. Der Weg ist steinig, steil und die Luft dünn. Aber auch das geht mal vorbei und wir stehen bald oben am Col Lauson (3299 m). Schon zum zweiten Mal für mich, allerdings bei sehr unterschiedlichen Wetterverhältnissen. Es ist auch erstaunlich, dass es praktisch keinen Schnee hat, wo wir doch immerhin 1500 Meter höher als die Schneegrenze vor drei Tagen sind. Beim heutigen Wetter und genialen Ausblick ist der mühevoll Aufstieg schnell vergessen.

Col Lauson (3299 m) (1)
Col Lauson (3299 m) (1)
Col Lauson (3299 m) (2)
Col Lauson (3299 m) (2)

Weit unten kann man die Rifugio Sella (2580 m) ausmachen. Da müssen wir nun hin, der Magen knurrt. Grundsätzlich gäbe es noch die Alternative, nach einer kurzen Abfahrt noch einmal 400 hm hinauf zum Colle della Rossa (3193 m) und von dort auf einem angeblichen Traumtrail hinab bis Cogne (1550 m). Ich erwähne das, weil das meine absolute Empfehlung für Nachfahrer ist, sofern genug Verpflegung im Rucksack ist. Nach der Rifugio wieder aufzusteigen, ginge zwar auch, sind aber 300 hm zusätzlich. Wir sparen uns das. Denn auch der direkte Weg ins Tal interessiert mich. Ich kann mich noch mit Grausen an den katastrophalen, gefährlichen, schmierigen alten Weg erinnern. Dieser ist seit ein paar Jahren neu gestaltet. Ich hätte aber besser auf andere Berichte hören sollen.

Abstieg Col Lauson
Abstieg Col Lauson
Abstieg Col Lauson , Vergleich mit 2011
Abstieg Col Lauson , Vergleich mit 2011

Soweit ist es noch nicht. Direkt hinter dem Pass ist erst mal ein paar Meter Schieben erforderlich. Der Weg ist ein bisschen ausgesetzt, aber zu Fuß kein Problem. Schon bald können wir wieder aufsteigen. Es ist am Lauson auf beiden Seiten erstaunlich, in welcher Höhe man auf besten Wegen dahincruisen kann. Das ist mir beim Mistwetter damals nicht so bewusst geworden. Gut gelaunt erreichen wir die Rifugio Sella. Es sind auch viele Wanderer an der Hütte. Scheint ein beliebtes Ausflugsziel zu sein. Wegen der fortgeschrittenen Zeit gibt es leider nur kalte Sandwiches und Kuchen. Macht nix. Das wird mit einem schönen Radler heruntergespült.

Abstieg Col Lauson
Abstieg Col Lauson
Abfahrt Col Lauson (hinten rechts) (1)
Abfahrt Col Lauson (hinten rechts) (1)
Abfahrt Col Lauson (hinten rechts) (2)
Abfahrt Col Lauson (hinten rechts) (2)
Mittag an der Rifugio Vittorio Sella (2580 m)
Mittag an der Rifugio Vittorio Sella (2580 m)

Und nun zum weiteren Weg. Dieser ist auch nach der Neugestaltung die absolute Spaßbremse. Ich hätte besser auf die Informationen aus dem Netz achten sollen. Die waren wohl nicht deutlich genug. Alle paar Meter stehen über die gesamte Breite des an sich einfachen Weges hohe Steinplatten als Wasserabweiser. An sich keine Seltenheit in den Bergen, aber über die gesammte Länge des 900 hm langen Abstiegs eine echte Qual. Spaß macht das keinen. Und man muss voll konzentriert sein. Dirk ist es leider nicht.

Die Rifugio ist noch gar nicht richtig aus dem Blickfeld verschwunden, als hinter mir plötzlich der zweite Radfahrer fehlt. Ich werfe mein Rad hin und laufe über die Wiese eine Kehre nach oben. Dirk sitzt still am Wegesrand, das Rad liegt daneben. Es hat ihm buchstäblich die Sprache verschlagen. Als er sich etwas sortiert hat, machen wir Bestandsaufnahme. Anscheinend ist er an den hübschen Steinplatten vom Rad gefallen. Der Bauch und Brustbereich tut ihm weg. Könnte also sein, dass er vom eigenen Lenker gerammt wurde. Übelkeit kommt dazu. Ich vermute eine gebrochene Rippe.

15 Minuten sitzen wir am Weg, dann einigen wir uns, dass Dirk sein Rad nun schiebt und ich alle paar Meter auf ihn warte. Irgendwie müssen wir ja runter. Es sind ja noch fast 1000 m. Bereits jetzt steht fest, dass für ihn die Tour zu Ende ist. Bei meiner zweiten Wartepause an der Bachbrücke kommt Dirk gar nicht mehr. Ich blicke nach oben und sehe ein paar Wanderer winken. Flugs das Rad abgeschlossen und wieder hochgehechtet. Dirk ist ansprechbar, war aber zuvor kurz bewusstlos. Er berichtet, dass von einem Italiener bereits der Rettungsdienst alarmiert wurde und er gleich von einem Hubschrauber abgeholt wird. Die richtige Entscheidung. Wie gut, dass wir hier von Wanderen umgeben sind, die sich kümmern und bei so etwas nicht zögern. Die Verständigung ist allerdings schwer.

Der Hubschrauber kommt dann tatsächlich sehr zügig und ich erlebe nach fast 25 Jahren Erfahrung in den Alpen die erste Bergrettung. Seilwinde raus, drei Sanitäter kommen herunter. Ich bin so geschockt von er ganzen Situation, dass mir die Lust auf fotografieren völlig vergangen ist. Gaffen kann ich offenbar nicht. Leider. Auch für Dirk wäre das eine Erinnerung gewesen. Wir stimmen uns soweit ab, dass ich sein Radl nehme und mich irgendwie ins Tal durchschlage. Er wird nach Aosta gebracht.

Noch während die Rettungsaktion läuft, mache ich mich mit Dirks Rad auf den Weg und rolle wieder hinunter zur Brücke. Mit zwei Rädern werde ich nun eine Weile brauchen, wenn es überhaupt möglich ist. Deshalb quatsche ich spontan einen locker wirkenden Italiener an,, ob er nicht Lust auf Rad fahren hätte. Er hat die Rettung natürlich mit bekommen. Ohne zu zögern übergibt er seinen Begleitern seinen Kram und schwingt sich auf das zweite Radl. Ich habe zwar Bedenken ob seiner Fahrtechnik und des nicht vorhandenen Helms, aber in dieser Situation muss ich hoffen, dass er es hinbekommt. Man darf nicht vergessen, dass es weiterhin immer wieder die senkrechten Steinplatten gibt. Zudem wird der Weg insgesamt etwas technischer. Immer wieder ist Absteigen angesagt. Endlos zieht er sich ins Tal hinunter. Viele Wanderer müssen nun zum wiederholten Mal überholt werden. Nicht alle sind freundlich.

Es geht fast alles gut. Der Italiener erreicht hinter mir heile den Parkplatz von Valnontey (1670 m). Bei mir sieht es nicht ganz so gut aus. Bei einem der vielen Stopps habe ich mir beim Absteigen ordentlich den Fuß verknackst. Dabei war auch ein Krachen zu spüren. Irgendwie ist wohl auch bei mir wegen der Geschehnisse die Konzentration nicht mehr voll da. Aber noch ist nicht viel zu spüren. Ich bedanke mich erst mal überschwänglich bei meinem neuen italienischen Freund. Eine kleine Aufmerksamkeit schlägt er aus und wünscht mir alles Gute. Dann steuere ich das Hotel an, das ich bereits vom letzten Besuch kenne. Es ist zum Glück ein Zimmerchen für eine Person frei. Im Schuppen ist auch Platz für zwei Fahrräder.

Valnontey (1670 m)
Valnontey (1670 m)
Einsame Mahlzeit
Einsame Mahlzeit

Humpelnd steige ich die Treppe zum Zimmer hinauf. Dort ist Fußkühlung angesagt. Ich habe kaum Schmerzen und besonders dick ist der Knöchel auch nicht. Aber sicher ist sicher. Von Dirk erfahre ich, dass er bereits im Krankenhaus ist, aber noch keine weiteren Informationen vorliegen. Geknickt nehme ich in der benachbarten Pizzeria einsam mein Abendessen ein. Ich weiß noch nicht, wie es morgen weiter geht.

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